Bei meinen bisherigen Korsetts hatte ich mich öfters darüber geärgert, daß die Träger entweder am Halsausschnitt vervorschauten oder von der Schulter rutschten. Also mußte ein trägerloses Korsett her. Dafür probierte ich wieder einen kommerziellen (J.P. Ryan) Schnitt aus.
Die Vorderschnürung des ersten vollsteifen Korsetts hatte sich bestens bewährt: Es ist äußerst frustrierend, wenn man auf Veranstaltungen degen 2 Uhr früh aus der Taverne kommt, alles schon schläft und man nur mit Mühe den Knoten im Rücken auffummeln kann. ;) Allerdings sind bisher nur ein oder zwei unsichere Hinweise auf ausschließlich vorn geschnürte Korsetts aufgetaucht. Also muß ich wohl, wenn ich authentisch arbeiten will, zwei Schnürungen machen: vorn und hinten. Das ist nachgewiesen.
Eine Weile lang lag die Basis aus zwei Lagen Mangeltuchleinen herum, während ich mich frug, wie die weitere Gestaltung aussehen solle. Dann fand sich ein Rest hübsch gemusterter Seidendamast, und beim Anblick von Fotos erhaltener Stücke (aus der Sammlung des Carolinum Augusteum in Salzburg) befand ich, daß 5 mm breite Stäbe authentisch genug aussehen würden - sie mußten nicht so schmal sein wie das Peddigrohr im ersten, grünen Korsett. Dafür sollten die außen sichtbarenTunnel diesmal mit Leinengarn genäht sein, das dicker ist als heutiges Seiden- oder Baumwollnähgarn und damit den Originalen näher kommt. Zur Versäuberung der Kanten sollte feines Leder dienen, wie es im 18. Jh. häufig gemacht wurde. Vielleicht ließe sich Leder ja leichter um die gefürchteten Zaddelschlitze biegen als Stoffstreifen oder -bänder...
Zum goldfarbenen Seidendamast wählte ich schokobraunes Leinengarn. Nachdem der Oberstoff aufgelegt und einmal rundgerum festgeheftet war, nähte ich ihn erstmal entlang jeder Naht an der Basis fest. Eigentlich sollte genau Naht auf Naht liegen, aber manchmal wichen sie ein paar Millimeter ab. Deshalb ist es wichtig, von außen zu Nähen: Wenn die Stichlinie innen ein wenig von der Nahtlinie abweicht, macht das nichts, aber von außen sähe es fürchterlich aus. Ich markierte die Schlitze, durch die am unteren Ende die Zaddeln entstehen: Mindestens 5 mm auf beiden Seiten davon dürfen keine Tunnelnähte gemacht werden. Wenn nämlich die Schlitze aufgeschnitten werden, ist es ungemein hilfreich, nicht nur einfach einzuschneiden, sondern
- so nah an der Kante lägen, daß die womöglich ausreißen. Außerdem kann man, wenn ein Stab so nah an der Kante ist, den Versäuberungsstreifen ganz schlecht annähen: Man müßte ja durch den Stab stechen.
Da alle Teile bis auf eines oben breiter sind als unten, werden die Stäbe von oben eingeschoben, also nähte ich auch gleich parallel zur Kante entlang (bei den künftigen Schlitzen um diese herum), um die unteren Tunnelenden zu verschließen. Bei dem einen Teil, das unten breiter ist, ließ ich das untere Ende offen.
Fotos: Eine Seite ist bis auf die Veräuberung fertig, die andere gerade angefangen. Von außen - - von innen.
Dann markierte ich die Tunnel: Einen an der Kante, dann 1 cm Platz für die Schnürösen, und dann immer 7 mm breit parallel weiter bis zur Naht. Überhaupt liegen alle Tunnel parallel zu einer Kante des jeweiligen Schnitteils. Zum einen sieht das sehr ordentlich aus, zum anderen kann man dann die Stäbe besonders gut in die Zaddeln hineinlaufen lassen, was den Tragekomfort erhöht. Diesmal war ich nicht so verrückt, die Tunnel mit Rückstichen zu nähen - zum einen aus Faulheit, zum anderen aus Geiz: Leinengarn ist schwer zu bekommen und teuer, und Rückstiche verbrauchen ziemlich viel Garn. Stattdessen nähte ich mit einfachen Heftstichen erst rauf, dann runter. Trotzdem kommen bei solch schmalen Tunneln ziemlich viele Nähte zusammen, so daß mir die Arbeit manchmal doch recht zäh wurde.
Schon bald fing die Seide an, entlang der fadengeraden Kanten auszufransen. Das ist gefährlich, denn wenn zuviel wegfranst, kann man das nicht mehr mit dem Versäuberungsstreifen abdecken - es sei denn, man macht den Streifen so breit, daß er kaum noch handhabbar ist. Also umnähte ich diese Kanten provisorisch mit Knopflochstich. Das ist auch der Hauptgrund, warum ich die Zaddelschlitze erst ganz am Schluß aufschneide: Weil sie sonst womöglich wegfransen.
Wednesday, 24-Apr-2013 21:20:14 CEST