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Historische Schneidereitechnik

 

Da diese Site nun einmal nach Epochen sortiert ist, sind die Nähtips ein wenig verstreut und eben da zu finden, wo sie epochenmäßig hingehören. In der Hauptsache gibt es sie fürs 18. und sehr frühe 20. Jh. - letztere sind auch fürs späte 19. relevant, aber eben unter 20. einsortiert.

Es gibt aber ein paar praktische Tips, die für jede Epoche nützlich sind. Sie beziehen sich v.a. darauf, daß man beim schneidern historischer Kostüme ein wenig anders arbeiten muß als wenn man moderne kommerzielle Schnitte (wie Burda, Vogue etc.) verwendet.

So muß man z.B. oft Schnitte aus Büchern oder von dieser Site von einer druckbaren Größe auf Körpergröße bringen. Zu diesem Thema gibt es eine eigene Seite.

Dann muß man den Schnitt auf die eigene Figur anpassen.

Zu diesem Thema gibt jedes beliebige Schneidereilehrbuch Auskunft - das bezieht sich zwar dann auf moderne Schnitte, aber das Prinzip ist dasselbe. Bei den zumeist eng anliegenden Oberteilen sollte man obendrein immer ein Probeteil aus billigem Stoff machen und direkt am Körper (über der für die jeweilige Epoche üblichen Unterwäsche, v.a. Korsett) nochmal abstecken, bis alles perfekt sitzt. Ziehe dafür das Teil linksrum an, dann läßt es sich leichter stecken. Das Abstecken sollte idealerweise eine zweite Person übernehmen, die auch ein bißchen was vom Schneidern versteht. Zur Not tut es natürlich auch eine Schneiderpuppe, die der eigenen Größe möglichst genau ensprechen sollte. Bedenke, daß der Oberkörper des Korsetts wegen meistens eine besondere Form hatte, während eine Schneiderpuppe auf moderne Formen getrimmt ist und die historische Form nicht ganz so gut darstellen kann, selbst wenn man ihr das Korsett überzieht. Gutes Beispiel: Korsetts des 18. Jh. drücken den Busen ziemlich weit rauf und vermindern den Umfang. Die Schneiderpuppe müßte schon sehr weich sein, um das mitzumachen. Ich habe es noch nicht ausprobiert, aber es könnte funktionieren, die Puppe auf eine kleinere Größe einzustellen, das Korsett überzuziehen und dann auszustopfen. Oder Du machst eine eigene Puppe.
Übertrage dann die beim Abstecken gewonnenen Schnittlinien, sofern sie deutlich anders als ursprünglich sind, nochmal auf den Papierschnitt, dann kannst Du ihn beim nächsten mal direkt hernehmen.

Sichtbare Nähte

sind den meisten, die modernes Schneidern gewohnt sind, ein Graus. Handarbeitslehrerinnen und Schneidereibücher haben ihr bestes getan, uns in dieser Hinsicht zu verderben. Diese Verteufelung sichtbarer Nähte stammt aber erst aus dem 19. Jahrhundert; davor hat man das sehr viel lockerer gesehen. So kannst Du z.B. problemlos Abnäher oder Falten, die beim Abstecken eingelegt wurden, auf den Stoff runterklappen und von außen an der Kante entlang festnähen - natürlich nur von Hand und mit möglichst kleinen und regelmäßigen Stichen. Es erleichtert die Arbeit beim Drapieren ungemein, wenn man Abnäher nicht zuerst nach innen umdrehen muß, denn dabei verrutschen sie leicht, wenn man nicht höllisch aufpaßt.

Nähgarn

Zu diesem Thema gehört auch die Farbe des Nähgarns. Erst kurz nach 1800 wurde eine Technik erfunden, die es erlaubte, ausreichend reißfestes Nähgarn aus Baumwolle herzusetellen. Davor wurden Leinen und Wolle mit Leinengarn genäht. Da vor Erfindung der Anilinfarben im späten 19. Jh. Leinen nur schwer zu färben war, wurde oft naturfarbenes Leinengarn verwendet – unabhängig davon, welche Farbe der Stoff hatte. Also waren auch an sich unsichtbare Nähte sichtbar, indem sie zwischen dunklen Stoffteilen quasi hervorleuchten. Wenn man so weit authentisch nähen will, daß man nauturfarbenes Garn verwendet, sollte man auch gleich so weit gehern, Leinengarn zu nehmen und von Hand zu nähen. Denn wenn die Naht hell aus dem Stoff hervorleuchtet, verrät sich eine Maschinennaht allzu deutlich.

Stückeln

gehört im Grunde auch zum Themenkreis "sichtbare Nähte". Stoffe waren früher meist nur 60-80 cm breit und weitaus teurer als Arbeitszeit. Die Schnitteile möglichst sparsam auf den Stoff zu puzzeln, war eine große Kunst und vom ökonomischen Standpunkt her oft auch nötig. Es kommt nicht selten vor, daß an einer Ecke nur ein paar Zentimeter dafür sorgen, daß man deutlich mehr Stoff braucht. Früher fand man nichts dabei, die fehlenden Zentimeter anzustückeln, selbst wenn das angesetzte Stück nur daumennagelgroß war. Sogar an deutlich sichtbaren Stellen wie einer Compère wurde mitunter ohne jede Rücksicht auf den Musterverlauf gestückelt.

Schittkanten versäubern

ist auch so ein Thema, wo man sich von bisher gelerntem verarbschieden muß, wenn man historische Kostüme näht. Bei den teilweise sehr langen Nähten in historischen Kostümen kann man durchaus die Schnittkanten an den Nähten unversäubert lassen, wenn der Stoff nicht zum fransen neigt - auch dann, wenn die Kanten nicht von Futter verdeckt werden. Vor allem aber war es durchaus üblich, auch an sichtbaren Stellen, v.a. an Volants, nicht zu versäubern. Gegen das Ausfransen wurden sie in Zacken oder Bögen geschnitten - näheres hierzu auf einer eigenen Seite. Denke an die "zerhauene" Mode des frühen 16. Jh. - da wurden Schlitze und Schlitzchen als Verzierung mitten in den Stoff gemacht und auch nicht versäubert (das wäre wie Mäuse melken). Bei filzigen Wollstoffen (Walkloden, manche Mantelwollen) wurde sogar auf Umschlagen der Säume und Kanten verzichtet, weil sie kaum fransen. Das ist erfreulich, denn bei einem Radmantel mit seinen Rundungen wäre das eher schwierig.
Irgendwann zwischen 1800 und 1880 kam es zu einem völligen Wandel in den Ansichten: Am Ende des 19. und bis Mitte des 20. gehörte es zum guten Ton in der Schneiderei, Kanten von Hand mit überwendlichen Stichen zu versäubern oder sie gar mit Nahtband zu übernähen und möglichst auch noch auf dem Futter zu fixieren, auf daß sie flachliegen. Es liegt vielleicht daran, daß man beim Schneidern früher eher pragmatisch war und folglich alles Überflüssige wegließ, während man im 19. Jh. alles gern sauber und ordentlich hatte. Demonstrativ auffälliger Konsum hat sicher auch eine Rolle gespielt.

Füttern

Heute soll Futter v.a. verhindern, daß Stofflagen aneinander reiben. Das Paradebeispiel sind Röcke und wie sie unvorteilhaft an Nylonstrumpfhosen kleben. Die Lösung: Ein möglichst glatter Futterstoff, der aber leicht sein soll, damit er nicht aufträgt. Bis zum Beginn des 20. Jh. aber hatte Futter eine ganz andere Funktion, nämlich den Oberstoff zu stützen. Oft waren die Futterteile - besonders bei Oberteilen von Frauenkleidern - das eigentliche, auf Figur gearbeitete Kleidungsstück, während der leichtere Oberstoff bloß locker draufdrapiert wurde. Nähme man das Futter heraus, würde das ganze Teil in sich zusammenfallen wie ein Körper ohne Skelett. Folglich eignen sich bis um 1910 eher kräftige, steife Futterstoffe. "Kleben" war kein Thema. Ein guter Kompromiß zwischen kräftig und glatt sind alte Mangeltücher, die vom vielen Mangeln schon ganz glatt sind. Die darf man dann aber nicht waschen, sonst werden sie wieder rauh.

Im 18. Jh. sieht man es öfters bei Frauenjacken, daß zwei Lagen Oberstoff und eine Lage Futter mit Rückstich zusammengenäht wurden. Also Oberstoff wie gehabt rechts auf rechts und dann noch eine Lage Futter dazu. Dann bügelt man die Nahtzugabe auf die Seite, wo noch kein Futter ist, legt das noch fehlende Futterteil mit eingeschlagener Nahtzugabe auf und näht sie mit überwendlichen Stichen an der eben gemachten Naht entlang fest. Und schon sind beide Schnitteile gefüttert, die Nahtzugabe versorgt, und Futter und Oberstoff können nicht gegeneinander verrutschen. Bei (Männer-)Justaucorps wurden Futter und Oberstoff hingegen meist getrennt verarbeitet - vielleicht war die Technik enganliegenden Kleidungsstücken vorbehalten. Übrigens würde ich eher dazu neigen, zwei Lagen Futter und eine Lage Oberstoff zusammen zu verarbeiten, weil man sonst beim aufnähen des noch fehlenden Futterteiles höllisch aufpassen muß, um nicht nach außen durchzustechen.

Im 19. Jh. verarbeitete man oft Futter und Oberstoff wie ein Teil. Das bedeutete natürlich, daß man die Schnittkanten nicht gnädig mit dem Futter verdecken konnte, wie man es heute macht. Das war vielleicht auch ein Grund für den oben erwähnten Versäuberungswahn. Der Vorteil ist wieder, daß Futter und Oberstoff nicht gegeneinander verrutschen können, und daß ein eher leichter Oberstoff durch das Futter viel mehr gestützt wird als wenn sie getrennt verarbeitet würden. Ein weiterer Unterschied zu heute ist, daß Röcke oft in voller Länge und Weite gefüttert wurden und daß das Futter zumindest an den Nähten, häufig auch in der Mitte des Schnitteils am Oberstoff befestigt wurde. Man muß schon ziemlich sorgfältig arbeiten, damit da nichts zuppelt, was wohl auch der Grund ist, warum man Rockfutter heute lieber lose hängen läßt.

Handnäherei

ist den meisten heute auch ziemlich ungewohnt. Ich höre häufig Reaktionen wie "Um Himmels Willen, da werde ich ja nie fertig!" Ist nicht wahr! Zum ersten, wenn Du nicht ein Purist bist (und Puristen würde nie so reagieren), kannst Du durchaus auch längere, von außen unsichtbare (!) Nähte mit der Maschine nähen*. Aber das ist nicht der Punkt. Worauf ich rauswill ist, daß Du alle Vorurteile, die Du eventuell hast, über Bord werfen und es einfach mal probieren solltest. Die Stiche müssen ja nicht so klein und regelmäßig sein, wie die Maschine sie macht. Klar, auch früher waren kleine und regelmäßige Stiche ein Qualitätsmerkmal, aber bis zu einem gewissen Grad hat die Nähmaschine unser Auge zu sehr verwöhnt. Vielleicht hast Du bei modernen Revers u.ä. komplizierten Sachen schon mal schwer geflucht - nähe solche Stellen und beim Abstecken gelegte Abnäher einfach mal von Hand. Das geht oft viel schneller als mit der Maschine nähen, merken, daß es nicht ganz paßt, auftrennen, nochmal nähen, Fadenstücke rausfieseln etc. Es ist wie bei allen anderen Dingen: Übung macht den Meister. Drei verunglückte Stiche nähen und dann behaupten, Du kannst es nicht (beliebte Methode bei Nähfaulen, v.a. Männern) - das güldet nicht. Nähen ist viel, viel leichter als Lesen oder Autofahren, und das können doch auch die meisten, oder? Daß auch das nicht auf Anhieb klappte, wird gern verdrängt. Auch ein beliebter Einwand: Handnähte hielten nicht so gut wie Maschinennähte. Das kommt auf den Stich an: Versuch mal, eine mit Rückstich genähte Naht aufzutrennen, und Du wirst sehen, um wieviel leichter eine Maschinennaht aufgeht. Ist Dir schon mal ein Knopf von der Bluse gefallen? Wäre er mit Hand angenäht gewesen, wäre das nicht passiert.
Damit die Naht ordentlich aussieht und hält, sollten die Stiche nicht länger als 3 mm sein; bei dickeren Wollstoffen, die mit Leinenzwirn genäht sind, gehen auch 4-5 mm. Je dünner Stoff und Garn, desto küzer sollten die Stiche sein, sonst wird die Naht zu locker und das Vorurteil, daß Handnähte nicht halten, wird ungerechtfertigterweise bestätigt. Und: Immer ordentlich anziehen! Nur nicht so fest, daß es den Stoff zusammenschnürt.

Naht- und Sticharten der Handnäherei

haben viele, aber nicht alle gelernt, und irgendwie scheinen keine zwei Leute dieselben Begriffe zu verwenden. Um Mistverständnissen vorzubeugen, erkläre ich kurz die Begriffe, wie ich sie verstehe:

Genauere Anleitungen dazu findest Du in jedem vernünftigen Schneidereilehrbuch.

 

*) Aber Vorsicht: Ich habe mal eine Reenactor-Uniform gesehen, die dunkelblau, aber mit hellem Faden genäht war. Das ist für Uniformen des 18. und frühen 19. Jh. völlig korrekt, aber wenn sich die Naht auseinanderzieht und man dann überdeutlich die viel zu geraden Maschinenstiche sieht, ist die ganze Authentik beim Teufel. Handstiche verlaufen nämlich schräg.

  Saturday, 25-Mar-2006 22:51:17 MET