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Bei der Stoffwahl sind drei bzw. vier Paramerter zu beachten: Material (also welche Faser verwendet wurde) und Webart, Farbe und Muster.
Zunächst kommt es mal drauf an, ob es nur authentisch aussehen soll oder noch einen Schritt weiter gehen. Im ersten Fall geht fast jeder Stoff, auch wenn das Material vielleicht synthetisch ist, sofern wenigstens die Webart stimmt und der Stoff nicht auf den ersten Blick nach Plastik aussieht. Die Webart ist nämlich meist leichter einzuordnen als das Material - manche Synthetiks, noch mehr aber Kunstfasern auf Zellulosebasis, sehen ja recht "echt" aus - nur wirkliche Kenner können Kunstfasern und Seide ohne Brennprobe unterscheiden, und auch das nicht immer und schon gar nicht auf die Ferne. Aber wer es ernst meint mit der Authentik, sollte davon trotzdem die Finger lassen.
Nicht alle Kunstfasern sind aus Plastik: Viskose (AKA Rayon) und Acetat werden aus Zellulose gefertigt, sind also pflanzlich, aber trotz allem künstlich, d.h. sie wurden erst durch chemische Verfahren ermöglicht, die im Zuge der industriellen Revolution entdeckt wurden. Das älteste Kunstseide-Verfahren stammt von 1885.
Leinen und Wolle sind die ältesten Fasern in Mitteleuropa. Auch die Fasern von Nesselgewächsen dürften schon recht früh verwendet worden sein - heute wird sog. Nesselstoff aber meist aus Baumwolle gemacht. Seide wurde ab dem Frühmittelalter verarbeitet, war aber sehr teuer. Baumwolle wurde schon früh im vorderen Orient kultiviert und im Hochmittelalter nach Europa importiert, blieb aber bis ins 17. Jh. ein Luxusstoff. Um ihn erschwinglicher zu machen, wurde er mit Leinen zu Barchent verwebt*. In Ländern, die starke Handelsbeziehungen zu den Baumwollanbaugebieten (Ägypten, Indien und südliches Nordamerika) hatten, war Baumwolle relativ früh (17. Jh.) erschwinglich, also preislich zwischen Seide und Wolle, aber wahrscheinlich noch immer teurer als Leinen. Im 18. Jh. gab es in England, Frankreich und Preußen Baumwollverbote; nach deren Aufhebung im späten 18. Jh. gehörte Baumwolle neben Leinen zu den beliebtesten und billigsten Stoffen.
Dupion ist heute mit die billigste Seidensorte, und so werde ich oft gefragt, ab wann es die denn gibt. Ich weiß es nicht! In all meinen Büchern und Modezeitschriften, bis rauf in die 1960er, wird sie nicht erwähnt, und ich kenne kein historisches Kleidungsstück, das daraus gefertigt ist. Eigentlich ist Dupion aus Garn hergestellt, das deswegen so unregelmäßig ist, weil zwei Seidenraupen am selben Kokon gesponnen haben, also ein Ausnahmefall. Betrachtet man das heutige Seidenangebot, müßten 80% aller Seidenraupen diesen Fehler begehen - sehr unwahrscheinlich. Also wird Dupion offenbar speziell "künstlich" gefertigt. Dupion scheint erst in den 1980ern populär geworden zu sein, zeitgleich mit dem Ende der Begeisterung für Plastikstoffe und dem Beginn der Ökobewegung: Sie war auf den ersten Blick anders als die Plastik-Seidenimitate und so schön rustikal. Gegeben hat es sie bestimmt schon früher, aber wegen ihrer Verdickungen galt sie als minderwertig.
Neben der Faser muß man auch die Webart beachten. (Hierzu mehr unter Warenkunde der Stoffe.) Leinen- und Köperbindung waren schon in vor- und frühgeschichtlicher Zeit bekannt. Altlasbindung dürfte etwas jünger sein; wie Samt, Brokat und Damast ist sie im Hochmittelalter belegt. Im Zusammenhang mit dem Turiner Grabtuch wird behauptet, daß Fischgrät (eine Abart der Köperbindung, in der das Grabtuch gewebt ist) im vorderen Orient schon zu Jesus' Zeit bekannt war, aber sicher ist das nicht. Die Zweifler datieren das Grabtuch auf die Zeit da Vincis, also spricht wohl nichts dagegen, daß zu jener Zeit Fischgrät gewebt wurde. Im 18. Jh. ist Fischgrät seltsamerweise selten, obwohl es zuvor und danach häufig nachgewiesen ist.
Aufgedruckte (statt eingewebte) Muster tauchen erstmals am Ende des 17. Jh. auf, nämlich in Form der sog. Zitze. Das Wort ist hat die gleiche etymologische Wurzel wie Chintz und soll auf ein indisches Wort für "bunt" zurückgehen. Der Krappdruck, mit dem Zitze hergestellt wurden, war bis um ca. 1750 das einzige erwähnenswerte Stoffdruckverfahren. Allgemein werden Druckstoffe erst gegen Ende des 18. Jh. wirklich beliebt; Anfang des 19. Jh. überholen sie eingewebte Muster. Blaudruck (also Reservedruck mit Indigo) kam erst um 1800 auf. Sei vorsichtig bei weißen Mustern auf dunklem Grund: Wenn sie aus dicker, deckender weißer Farbe gedruckt (statt ausgespart) sind, sind sie nicht geeignet.
Im Verlauf des sehr frühen 19. Jh. überrundet Baumwolle das Leinen: Zwar bleibt Leinen bis ins frühe 20. Jh. vorherrschend im Bereich Leib-, Tisch- und Bettwäsche, wird aber aus der Oberbekleidung völlig verdrängt: Baumwolle läßt sich leichter färben, knittert nicht so stark, läßt sich durch Mercerisieren (ab 1850) zu glänzenden Fäden verarbeiten und ist im Winter nicht so klamm. Leinen nimmt nämlich leicht Feuchtigkeit auf, weswegen es im Sommer schön kühl ist (Stichwort Verdunstungskälte) und noch bis in die 1930er für Hand- und Geschirrtücher beliebt war - aber im Winter wurde es als Leibwäsche ekelhaft. Durch die industrielle Revolution und die Sklavenarbeit auf Baumwollplantagen im Süden der USA wird Baumwolle im Verlauf des 19. Jh. billiger als Leinen, so daß es allmählich auch diese letzten drei Bereiche erobert. Anfang des 20. Jh. gilt leinene Wäsche gar als besonders edel.
Da kann ich leider wenig helfen, da anscheinend das Stoffangebot regional sehr verschieden ist. Ich bin es z.B. gewohnt, bei Karstadt (Oberpollinger, München) und Hertie nach besonderen Angeboten Ausschau zu halten, woanders kann man den Karstadt glatt vergessen - sagt man mir jedenfalls. Dafür gibt es in - Dortmund? Krefeld? Wuppertal? so die Ecke halt - den Alfatex. Wieder woanders gibt es kleine spezialisierte Stoffläden mit recht geringer Auswahl, die einem aber so ziemlich alles auf Bestellung besorgen, und nicht mal unbedingt besonders teuer. Und dann wären da noch die Fabrikreste-Läden, die oft einen großen Anteil an Dekostoffen haben. Sei mit Dekostoffen aber sehr vorsichtig: Die Muster orientieren sich zwar oft an historischen Vorlagen, sehen aber ebenso oft für das geübtere Auge nach genau dem aus, was sie sind: Vorhang- oder Polsterstoff. Außerdem sind sie tendenziell schwer und steif, oft synthetisch, gehen manchmal ganz verteufelt ein, fransen oder lassen Farbe. In München kann ich Donaco und noch einen Fabrikresteladen (den Namen weiß ich nicht) empfehlen, beide in der Schwanthalerstraße. Selbst bei Ikea kann man interessantes finden: "Bomull" ist spitze als Ausprobier- und Futterstoff. Bei einem Preis unter 2 Euro tut es nicht weh, wenn ein Versuch in die Hose geht, und wenn der Versuch klappt: Gleich als Futter weiterverwenden, sofern Deine Epoche/Region die Verwendung von Baumwolle zuläßt. "Wilma" gut für zartes wie Schleier, Tändelschürzen, Fichus, Häubchen und Empire-Musselinkleidchen, "Mireille" für Häubchenränder und Fontanges, "Ditte" für etwa das gleiche wie Bomull, nur etwas teurer und "Alina" ist ein fester Leinenstoff für Futter o.ä. Und vielleicht gibt es auch eines Tages wieder mal eine Kopie eines historischen Stoffmusters (gab's schon mal, derzeit leider nicht mehr). Update Januar 2003: Wilma und Mireille gibt's nicht mehr. Also ran an die Kummerkästen, die überall im IKEA stehen, und fordern, daß diese Stoffe wieder ins Programm kommen! Update Frühsommer 2004: Die beiden gibt's immer noch nicht wieder. :(
Wer öfter mal historische Kostüme schneidert, ist gut beraten, regelmäßig in den einschlägigen Geschäften vorbeizuschauen und immer dann, wenn etwas geeigntetes günstig hergeht, auf Vorrat zuzuschlagen - egal, ob gerade ein konkretes Projekt ansteht. Dafür sollte man aber in etwa einen Plan haben, wieviel Stoff man für welches Projekt brauchen kann, sprich: sich schon mal Gedanken machen, was man in den nächsten Jahren vorhat (doch, doch, auf 2-3 Jahre hinaus: Stoff wird nicht schlecht! Und billiger nur selten.) und wieviel man dafür mindestens braucht. Z.B. weiß ich, daß ich für ein Gewand des 17. oder 18. Jh. 9-12 Meter uni (bei 130 oder mehr Breite) brauche. Mit Muster bis zu 25% mehr. Begegnet mir ein geeigneter Stoff zum guten Preis, nehme ich also 12 Meter. Falls Reste bleiben, können die immer noch für kleinere Teile (z.B. Schürzen) und Patchwork herhalten. Was den Einkauf anderer Materialien angeht, die man nicht so leicht im Kaufhaus findet: Schau mal auf meine Bezugsquellenseite. Auch hier gibt es z.T. regionale Unterschiede (ich höre öfter Klagen, man könne weder Näh- noch Knopflochseide oder Baumwollnähgarn finden - hier in München kein Problem!), also schau auf Reisen mal in die Kaufhäuser rein - nicht nur im Ausland.
A propos Reisen: In Asien ist Seide relativ billig und auch andere Stoffe gibt es, die man hier nie findet. Je ärmer das Land, desto billiger natürlich der Stoff. Dafür findet man im reichen Singapur Seide immer noch verhältnismäßg günstig, und obendrein in großer Auswahl: Indische Seiden, Saribrokate, Dupion, chinesischen Satin und chinesische Brokate, Thaiseide, dazu indonesische und malaiische Baumwollbatik, orientalisch anmutende Stickereien, Borten, Quasten, Fransen, Goldfaden u.v.m. Mein Tip wenn Du mal nach Singapur kommst: Arab Street und Chinatown. In Hong Kong: Western Market. Achtung: Je exotischer der Ort, desto wichtiger ist es, eine Brennprobe zu machen (siehe Stoffkunde). Erst kürzlich brachte eine Bekannte aus Thailand Proben von Thaiseide mit, die sich bei der Brennprobe sämtlich als Vollplastik herausstellten.
Übrigens sind auch Antikmärkte ganz gute Einkaufsquellen. Echte alte Spitzen gehen z.T. billiger her als gute Maschinenspitzen aus dem Laden (richtig gute findet man im Laden sowieso kaum), manchmal findet man Gold- und Silberfäden, Seidengarn, Leinengarn ... und vor allem altes Leinen in einer Qualität, wie es sie im Laden nicht mehr gibt. Trachtenmärkte (besonders in Greding) sind auch gut. Online-Auktionen würde ich hingegen nicht empfehlen, es sei denn, Du kannst anhand der Bilder wirklich gut erkennen, um was es sich handelt (selbst nachfragen nützt leider oft nicht, weil viele Verkäufer sich selber nicht auskennen) und weißt recht gut, was etwas kosten darf. Letzeres ist natürlich auch auf Antikmärkten wichtig - und daß Du z.B. Leinen oder Seide als solches erkennen kannst. Händler beklagen sich, daß sie Antikleinen nicht über 10 Euro pro Meter loswerden - mehr als das solltest Du nicht zahlen, und auch nur dann, wenn Du sicher bist, daß es wirklich Leinen ist und nicht Baumwolle.
Normalerweise wird einem geraten, alle Stoffe entweder vorzuwaschen oder zu dämpfen, weil sie eingehen könnten - und wehe, das passiert nach der Verarbeitung! Das ist nicht falsch, aber es kommt sehr stark drauf an, was für ein Stoff es ist und was Du damit vorhast. Moderne Lehrbücher haben nun mal einen modernen Blickwinkel und gehen z.B. davon aus, daß Seidenstoffe leicht sind und zu Blusen verarbeitet werden, während historische Seidenstoffe oft recht schwer waren und zu Kleidern oder Männeranzügen verarbeitet wurden.
Zwei Dinge gibt es zu bedenken: 1., ob und wie sehr der Stoff eingeht (Quantität) und 2., ob sich durch die Wäsche wichtige Eigenschaften des Stoffes verändern (Qualität).
Wenn der Stoff eingeht, ist das nicht besonders tragisch, da der Verlust meist nur um die 10% beträgt, bei vielen Stoffarten eher weniger. So viel Geld sollte man schon investieren, daß man diesen Verlust durch entsprechend großzügigen Stoffkauf kompensieren kann: Wie ärgerlich wäre es, wenn das Gewand total verzogen wäre, nur weil man damit in den Regen gekommen ist!
Viel wichtiger ist die Frage, ob sich wichtige Eigenschaften des Stoffes durch die Wäsche verändern und wie sie sich verändern. Da nicht nur die Faser eine Rolle spielt, sondern auch Webart, Färbemethode u.ä., kann man das eigentlich nur durch ausprobieren herausfinden. Z.B. geht die Appretur raus, die gerade bei Seidenstoffen nicht etwa aus bloßer Chemie besteht, sondern vor allem aus Seidenleim, der dem Stoff Stand verleiht. Taft und Dupion - beide relativ steife, raschelnde Stoffe - sind nach der Wäsche plötzlich weich und schlapp. Sie neigen auch stark zum knittern. Viele Seiden aus Entwicklungsländern verlieren beim Waschen einen Großteil ihrer Färbung, was evtl. gar nicht so schlecht ist: Besser, als wenn die lose sitzende Farbe bei Regen oder beim Schwitzen in anderen Kleidungsstücken landet, z.B. in der zuvor reinweißen Chemise.
Bei Wolle kommt es v.a. darauf an, ob die Oberfläche glatt oder filzig sein soll. Glatte Wollstoffe neigen bei Wäsche zum verfilzen; solche mit schon filziger Oberfläche zeigen kaum Veränderung. Schnelle Temperaturwechsel begünstigen einlaufen und verfilzen. Verfilzen ist an sich nichts schlechtes, sofern man nicht aurf einen glatten Wollstoff besteht: Filzige Wollstoffe lassen Wasser abperlen und halten Regen folglich länger stand.
Baumwolle und Leinen gehen bei der Wäsche ein, verändern ihre grundlegenden Eigenschaften aber nicht. Das Hauptproblem ist, nachher die Knitterfalten auszubügeln.
Fazit: Mantelwolle, Loden, Seidenleinen, Baumwolle und Leinen ab in die normale 40°-Wäsche. Baumwolle und Leinen evtl. gar besser noch in die 60°-Wäsche, v.a. wenn sie zu Leibwäsche werden. Glatte Wolle und Seide in die 30°-Wollwäsche oder Handwäsche. Taft, Dupion und Duchesse Satin überhaupt nicht waschen.
Was das Bügeln betrifft: Auch da rät das moderne Lehrbuch bei Wolle und Seide zu Zurückhaltung. Vergiß es! Hohe Temperaturen schaden nur bei Plastik, das schmilzt. Wolle und Seide leiden erst bei Temperaturen, die moderne Bügeleisen gar nicht hinkriegen. Schließlich werden Seidenkokons in kochendes Wasser geworfen, um die Raupen abzutöten. Also immer feste drauf!
Wenn Du unsicher bist, wie Dein Stoff auf Wäsche und/oder bügeln reagiert: Schneide ein Stück von 10x10 cm aus, zäckle es ein und setze es diversen Belastungen aus, dann miß nach, um wieviel es kleiner geworden ist und wie sich Griff und Farbe verändert haben.
*) Manche Quellen behaupten, das sei nicht aus Kostengründen geschehen, sondern weil man damals Baumwolle noch nicht so spinnen konnte, daß sie den Zug aushalten konnte, dem Kettfäden ausgesetzt sind. Das ist insofern plausibel, als man erst kurz nach 1800 in der Lage war, Baumwolle zu Nähgarn zu verspinnen: Zugfestigkeit war bei Baumwolle offenbar lange Zeit ein heißes Thema.