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Wir alle, die wir historische Kostüme schneidern, stehen irgendwann vor dem Problem: Was sollen wir anstatt des historisch verbürgten Fischbeins verwenden?
Der Begriff "Fischbein" ist recht verwirrend, da weder Fische noch Bein (also Knochen) im Spiel sind. Fischbein wurde aus den Barten der großen Wale hergestellt, und Wale sind bekanntlich (?) Säugetiere. Die Barten sind lange, faserige, hornartige Platten, die bei Bartenwalen (z.B. Blauwal, Buckelwal, Finnwal) die Zähne vertreten und dazu dienen, Plankton aus dem Wasser zu filtern. Von der Konsistenz her ist Fischbein also flexibler, als die Assoziation "Knochen" vermuten läßt.
Fischbein ist gleichzeitig steif und flexibel, und zwar in genau dem Verhältnis, wie es für Schürbrüste und Paniers ideal war. Zudem war es, seiner faserigen Natur wegen, leicht spaltbar, so daß man es mühelos zu Streifen der gewünschten Breite und Dicke verarbeiten konnte. Kein anderes Material wies all diese Eigenschaften auf, und so wurde die Walpopulation im Lauf des 18. und 19. Jh. fast bis zur Ausrottung der Eitelkeit geopfert.
Fischbein war nie billig, und so verwendete man gern auch andere Materialien. Für Reifröcke des 18. Jh. bot sich biegsames Holz (Hasel, Weide) an, weil das etwas mehr an Dicke nicht störte. In Schnürbrüsten findet man Weide, gelegentlich auch Riedgras und in dünne Streifen geschnittenes Holz. Im 19. Jh. kam für die Krinolinen um 1850 Federstahl in Gebrauch, das für diese Sorte Reifrock noch geeigneter war als Fischbein.
Im 19. Jh. machte sich eine Eiganart des Fischbeins unangenehm bemerkbar, die bis dahin unbemerkt geblieben war: Biegt man es dauerhaft stark in eine Richtung, wie es in den sanduhrförmigen Korsetts des 19. Jh. der Fall war, bricht es. Nicht so leicht wie die Ersatzmaterialien, aber irgendwann doch. Man versuchte es mit wendbaren Korsetts, aber entweder half das nichts, oder sie Herstellung derselben war zu teuer: Jedenfalls ist mir diese Lösung nur aus eine Annonce bekannt, so als ob die Idee sang- und klanglos in der Versenkung verschwand.
Mit fortschreitender Ausrottung der Wale wurde Fischbein immer teurer, so daß man sich gegen Ende des 19. Jh. nach Ersatz umsah. Schon im 19. Jh. wurden Horn und Stahl verwendet; letzteres vor allem in Form flachgepreßter Spiralen, wie man sie heute noch kaufen kann. Stahlspiralen sind sehr biegsam - anders als echtes Fischbein auch seitwärts - und wurden im späten 19. Jh. für die kurvigeren Teile des Korsetts empfohlen; vor dieser Zeit aber waren sie unbekannt. Sie wurden in Stoffhüllen geschoben, während Fischbein (und dessen Plastikvariante) direkt verwendet werden können.
Heute gibt es nur drei Möglichkeiten, ein Korsett zu versteifen: Mit Plastikstäben, Stahlstäben oder Stahlspiralen. Hin und wieder fällt ein paar Irren ein, daß Norwegen und Japan noch Wale fangen dürfen und man dort folglich noch Fischbein bekommen müßte. Bei aller Liebe zur Authentik: Die Bartenwale, die zufälligerweise auch noch die größten und, gleich nach Delphinen und Orcas*, wahrscheinlich intelligentesten Lebewesen dieses Planeten sind, sind sowieso schon vom Aussterben bedroht, dank der Eitelkeit unserer Ur-Urgroßmütter. Müssen wir uns da noch durch unzeitgemäße Nachfrage nach Barten zu Sargträgern machen?
Nachdem ich etwas mit echtem Fischbein experimentiert habe, das ich aus völlig zerschlissenen Miedern gefischt hatte, kann ich sagen: Modernes Plastikfischbein (z.B. von Wissner, siehe Bezugsquellen) ist ein sehr guter Ersatz, in mancher Hinsicht (v.a. das Brechen bei starker Biegung) sogar besser als das Original. Hier ein Bild: oben Stahlspirale, links Stahlband, rechts Plastik, unten eine Korsettschließe. Und so sieht echtes Fischbein aus.
Plastikfischbein von 1x10 mm Stärke ist für Korsetts des 17.- 18. Jh geeignet, besonders dann, wenn sie halbsteif sein sollen. Für die vollsteife Variante ist 5-7 mm breites Plastikfischbein besser, weil man es schön dicht nebeneinanderschichten kann und weil das Fischbein in vollsteifen Schnürbrüsten nur so ca. 2-5 mm breit war. Stahlstäbe sind auch geeignet, aber nur für halbsteife Korsetts. Ein vollsteifes Korsett, für das nur Stahlstäbe verwendet wurden, wäre ungeheuer schwer.
Vergleicht man Stahl und Plastik, findet man, daß Stahl etwas steifer ist als doppelt so dicke Plastikstäbe, aber wesentlich schwerer. Dafür kann Plastik dort, wo es stark geknickt wird, zu Materialermüdung neigen, was auf Dauer zu Wundreiben führt. An solchen Stellen sollte man zusätzlich zu den Plastikstäben auch Stahl einsetzen.
Für Korsetts des 19. Jh. ist Plastikfischbein von 1x10 mm auch gut, aber für gekurvte Nähte sind Spiralstäbe besser, weil sie sich seitwärts biegen lassen. Ausschließlich Spiralstäbe wären ungeeignet, denn eigentlich sind sie zu biegsam, um den Körper in Form zu pressen.
Rigilene besteht aus dünnen runden Plastikstäbchen, die mit Plastikfaden zu einem Band verwebt sind, so daß man es auf einen Basisstoff aufnähen kann. Es ist anscheinend in Deutschland nicht leicht erhältlich, was sehr erfreulich ist, denn es ist als Ersatz für Fischbein völlig ungeeignet, weil zu biegsam.
Echtes Fischbein kann in heißem Wasser oder über Dampf erweicht werden, so daß es sich in eine Form biegen läßt, die es nachher auch behält. Das geht mit Plastik und Stahl natürlich nicht. Plastik kann man evtl. sehr, sehr vorsichtig in Form bügeln. Aber beklage Dich nicht, wenn Du nicht vorsichtig genug warst und das Zeug schmilzt und am Bügeleisen Fäden zieht!
*) Ob die Menschen nach den Delphinen die zweite, nach Delphinen und Orcas
die dritte Stelle einnehmen oder erst nach den großen Walen drankommen,
dessen bin ich mir noch nicht sicher. Aber eines ist sicher: Platz eins nehmen
wir nicht ein.
Thursday, 02-Jun-2005 22:21:09 MEST