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Die größte Gefahr bei Verwendung historischer Schnitte besteht darin zu glauben, daß wenn der Schnitt für Größe xy gedacht ist, und man selbst Größe xy hat, man ihn einfach so verwenden kann und das fertige Gewand dann paßt. Es ist fast sicher, daß es nicht passen wird. Selbst heutige Konfektionsgrößen werden hin und wieder verändert, weil die Durchschnittsfigur sich ändert. Also sollte man immer erst alle wichtigen Maße des Schnittes mit den eigenen vergleichen.
Dazu kommt natürlich, daß damals Korsetts oder Hüfthalter getragen wurden, die die Körperform verändern. Ohne die richtige Unterkleidung - dazu gehört auch die richtige Anzahl Unterröcke in der jeweils richtigen Form - wird ein historisches Kleidungsstück niemals realistisch aussehen, auch wenn der Schnitt noch so original ist.
Die Maßangaben in der folgenden Tabelle stammen aus alten Schnittmusterbögen. Die Buchstaben beziehen sich auf ein Bild aus dem Jahr 1902, das illustriert, wo und wie die jeweiligen Maße genommen werden. Zum besseren Vergleich, und weil es interessant ist zu beobachten, wie die Frauen allmählich in der Mitte breiter wurden, sind Maße aus Burdaschnitten von 1962 und 1997 für Größe 38 danebengestellt.
| 1879* | 1892-96* | 1902-06 | 1908 | 1913** | 1962 | 1997 | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| a (Oberweite) | 90-96 | 94-96 | 92 | 90 | 96 | 86 | 88 |
| b (Taille) | 58-64 | 54-60 | 56 | 58-60 | 66 | 64 | 70 |
| c | 36 | 38 | 38 | 38,5 | 41 | ||
| d | 30 | 30 | 35 | ||||
| f + g | 58 | 47 | 58 | 60 | |||
| h | 27 | ||||||
| i | 20 | ||||||
| k | 32 | 39*** | 43*** | 44,5*** | |||
| m (incl. k) | 50 | ||||||
| o (Hals) | 37 | 34 | 36 | ||||
| t (Hüfte) | 104 | 101 | 98 | 92 | 94 | ||
| Vordere Rocklänge (bzw Körpergröße) | 104**** | (164) | (168) |
*) Aus diesen Jahren
gibt es keine Normalgröße. Die Maße stammen von einer Auswahl
an Schnitten.
**) Zweitkleinste Größe von fünf
***) oben
auf der Schulter bis Taille
****) aus dieser Länge läßt sich
eine ungefähre Körpergröße von 160-162 ableiten.
Wie aus der Tabelle deutlich wird, waren die Taillen sehr klein, während die Hüft- und Oberweiten recht groß sind. daraus kann man zweierlei Dinge folgern: 1. Die vielen Unterröcke vergrößerten den Hüftumfang. 2. Aber auch die Oberweite ist relativ groß, also waren die Damen insgesamt breiter, erreichten aber durch Korsetts eine geringe Taillenweite. Nach der Ober- und Hüftweite zu schließen, dürfte die natürliche Taillenweite in der Umgebung von 70 cm gelegen haben.
Die Frauen des späten 19. Jh. haben sich also um 10 oder mehr Zentimeter eingeschnürt - täglich! Kein Wunder, daß viele körperliche Schäden davontrugen, die so schwer waren, daß Ärzte gegen diese Unsitte wetterten und die Abschaffung von Korsetts verlangten. Wir dürfen den Suffragettes und der Reformbewegung dankbar sein, daß sie uns das erspart haben. Übrigens sind die Korsetts um die Jahrhundertwende (die mit der S-Linie) die schlimmsten von allen, auch wenn sie nicht so aussehen, weil sie eine unnatürliche Haltung erzwingen und so weit hinabreichen, daß sie das Sitzen erschweren.
Aber zurück zu Schnitten und Figur: Es gibt nun zwei Möglichkeiten... entweder, den Schnitt stark abändern, um ihn einer heutigen Figur anzupassen - oder ein Korsett tragen und feste schnüren. Die Damen damals waren aber gut "trainiert"; wer nur selten mal ein Korsett trägt, wird kaum mehr als ein paar Zentimeter wegschnüren und das länger als eine Stunde ertragen können. Man kann natürlich trainieren, aber damit begibt man sich in die gleichen gesundheitlchen Gefahren wie die Frauen von damals.
Einen ausweg gibt es.... schließlich schnürten sich nicht alle Frauen so extrem ein. Und das wirklich wichtige ist die Relation zwischen Ober- Taillen- und Hüftweite. Also: Taille ein bißchen einschnüren, den Rest notfalls ausstopfen!