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Wie schon gesagt: Es gibt nicht eine Münchner Tracht. Auch wenn die Kleidung der normalen BürgerInnen weniger dem Wandel unterworfen war als die der oberen Zehntausend, gab es auch hier verschiedene Stilepochen. Man ahmte den Adel nach, soweit es das Geld zuließ, übernahm hier ein Merkmal und da eins... Die meisten Merkmale wurden mit einer gewissen Zeitverzögerung übernommen und oft mit einer noch größeren wieder fallengelassen. In alten Bildern sieht man z.B.,
Der Zeitversatz scheint sich im Verlauf der Zeit verkürzt zu haben: Von 50 Jahren im 17. Jh. bis auf wenige Jahre Anfang des 19. Jh., als die die Mieder so kurz waren, daß sie die hohe Taille der Empiremode spiegelten. Im Biedermeier schließlich holte die Tracht die Mode ein. Während also die Gewandteile als solche (z.B. Mieder, Haube, Schürze, Einstecktuch) aus früheren Zeiten überkommen waren, folgten deren Formen (Rockform und -länge, Ärmelform, Taillenhöhe etc) der herrschenden Mode.
Die Münchner Tracht, wie sie heute von Vereinen "erneuert" und gepflegt wird, entwickelte sich in den ersten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Die grundlegenden Elemente entstammten dem 18. Jahrhundert: Das steife Mieder ist ein Nachfahre des Korsetts. Der Spenzer entwickelte sich aus einer Jacke (Caraco), die über dem Korsett (oder Mieder) getragen wurde. Halsbänder und ihre Nachfolger, die Kropfketten, dürften sich aus den Médicis entwickelt haben.
Dazu gesellten sich Merkmale der Empire- und später der Biedermeiermode, wie z.B. die nicht mehr bodenlangen Röcke, höherliegende Taille, die bändergeschnürten Schuhe, Keulenärmel und verkleinerte Riegelhauben, die sich mit den biedermeierlichen Frisuren besser vertrugen als ihre größeren Vorgänger. In dieser Form erreichte die Tracht der Münchner Bürgerinnen eine solche Eleganz, daß sie von Reisenden aus aller Welt mit Begeisterung beschrieben, gezeichnet und gemalt wurde. Auch der König, Ludwig I., fand an der Tracht Gefallen. Sein Hofmaler Stieler verewigte sie in seinem Portrait der Schusterstochter Helene Sedlmayer. Die m.W. beste Quelle mit vielen zeitgenössischen Abbildungen ist Szeibert-Sülzenfuhs' "Die Münchnerinnern und ihre Tracht".
Ab ca. 1840 löste sich die Tracht allmählich in der "normalen" Mode auf (die breitere Verfügbarkeit von Modejournalen trug sicherlich dazu bei) und war gegen Ende des Jahrhunderts beinahe verschwunden. Um die Jahrhundertwende war eine alte, erhaltene Tracht oft nur noch für den Fasching gut. Doch dann fanden sich einige Leute, die die Tracht wiederbeleben wollten. Es ist nicht verwunderlich, daß sie sich an der elegantesten und am besten dokumentierten Fassung orientierten - die zugleich die letzte war.
Was die geographische Verbreitung betrifft, so ist zu bedenken, daß München damals viel kleiner war als heute. Was heute als relativ zentraler Stadtteil gilt - Au, Haidhausen, Neuhausen, Schwabing etc. - war Anfang des 19. Jh. noch ein Bauerndorf außerhalb der Stadtmauern (die aus dem 12. Jh. stammten und erst Anfang des 19. Jh. geschleift wurden, um das Wachstum der Stadt zu ermöglichen). Diese Dörfer hatten oft ganz andere Trachten als München selbst; die im Nordwesten (Neuhausen, Moosach, Allach...) z.B. orientierten sich an der Dachauer Tracht. Eine gute Quelle für diese ehemaligen Randbezirke wie auch für die Tracht Münchens selbst ist "Trachten in und um München" von Laturell, dem ehemaligen Bezirksheimatpfleger.
Andererseits sorgten die Attraktivität der Münchner Tracht und die Anziehungskraft der Hauptstadt dafür, daß einige Merkmale in anderen Teilen Bayerns Fuß faßten. So gab es Riegelhaubenmacherinnen in Regensburg, und die heute für "typisch bayerisch" gehaltene Tracht der Tegernseer Region ahmt das Münchner Mieder nach.
So kam es also, daß die Tracht der Biedermeierzeit gewissermaßen eingefroren wurde und heute als die Münchner Tracht gilt. Aber, werte Damen und Herren, Eure Gastgeberin hat ein Faible für das 18. Jahrhundert und einen Hang zu wenig ausgetretenen Pfaden... begleitet mich doch auf eine Forschungsreise zur Münchner Tracht des 18. Jahrhunderts!