| INDEX | 1300-1599 | 17. JH. | 18. JH. | 19. JH. | 20. JH | ÜBERGREIFEND | ETHNO | |
| VERMISCHTES | FLOHMARKT | ALTE MUSIK | FORUM | GÄSTEBUCH | KONTAKT | SUCHE |
|
|
Zwei Unterwäsche-Teile braucht Frau in jedem Fall: Ein Hemd (alias Chemise) und eine Unaussprechliche (alias Unterhose). Dazu kommen eine variable Anzahl Unterröcke und eine Untertaille, die aber für unsereins nicht zwingend nötig sind.
Unterröcke würden den Rahmen dieser Seite sprengen, da Form und Zuschnitt von der jeweiligen Rockmode abhängen, die während des hier betrachteten Zeitraums oft wechselte. Am besten benutzt man einen einfachen Oberrock-Schnitt der jeweiligen Zeit als Grundlage.
Auch wenn hin und wieder von farbiger Unterwäsche berichtet wird, ist Weiß bzw. Natur schon allein aus praktischen Gründen (Kochwäsche) die einzig wahre Farbe für Unterwäsche. Für heiße Tage eignet sich am besten Leinen, für kalte Baumwollflannell oder Barchent, also einsietig angerauhter, dichter Baumwollstoff. Normale Baumwollstoffe gehen immer. Der Feinheitsgrad des Stoffes sowie die Dekoration ist davon abhängig, ob man ein Dienstmädchen oder eine Bäuerin*, eine feine Dame oder eine kleinbürgerliche Hausfrau darstellen will.
Im frühen 19. Jahrhundert sah das Hemd fast genauso aus wie im 18. Jahrhundert, nur daß die Ärmel sehr kurz waren. Für Hemden, die unter schlichter ländlicher Kleidung oder Tracht getragen werden, solltest Du deshalb auch für die Zeit von 1870-1900 den Schnitt und die Anleitung des 18. Jh. verwenden. Daneben entstanden ab Mitte des 19. Jh. weitere, zum Teil ärmellose Hemdenformen. Die "Praktische Zuschneidemethode" von ca. 1900-1910 zeigt einige Varianten. Zwar ist die Quelle um einiges jünger ist als der hier betrachtete Zeitraum (1870-90), aber wie das vorgenannte "ländliche" Hemd zeigt, waren Lehrbücher (und wahrscheinlich auch viele ihrer Nutzerinnen) in Sachen Unterwäsche eher konservativ. Die unten vorgestellten zwei Hemdenschnitte wurden so auch im späten 19. Jh. verwendet.
Allen Hemden, ja überhaupt der ganzen Unterwäsche ist in der Verarbeitung gemeinsam, daß die Nähte egal ob maschinen- oder handgenäht als Kappnähte eingerichtet werden; die Kanten werden mehr oder minder schmal zweifach umgeschlagen und von Hand mit Saumstich befestigt oder, falls sie nicht zu stark gebogen sind, auch mit der Maschine gesteppt. Wie die Gesamtansichten zeigen, können Arm- und Halsausschnitte mit Klöppel- oder Wäschespitze und pastellfarbigen, seidenen Durchzugsbändern verziert werden. Zu dieser Zeit sind Torchonspitze, maschinell gefertigte Klöppelspitze und Lochstickerei die häufigsten Varianten.
Die am einfachsten
zu fertigende und stoffsparendste Hemdenform ist das passenlose, ärmellose
Hemd. Die Form des Ausschnitts kann fast beliebig variiert werden: rund wie
links zu sehen, eckig, V-förmig. Alles andere bleibt sich gleich. Der Schnitt
hier ist für die Variante mit rundem Ausschnitt, aber es ist ein leichtes,
den Ausschnitt zu ändern. Auch die Größenanpassung ist einfach:
Nach unten ist keine nötig, da Schnitte jener Zeit sowieso eher für
kleine Gestalten gedacht waren. Nach oben ist viel Luft, da das Hemd direkt
unter der Achsel 132 cm weit ist und von da an breiter wird.
Trotzdem
reicht das bei einer Oberweite von 110 cm und mehr nicht, da das Hemd eher lose
sitzen soll (die 132 cm Weite sind nun mal für eine damalige Normgestalt
von bis zu 90 cm Oberweite veranschlagt). In so einem Fall kann man den Schnitt
sehr leicht abändern, indem man in der vorderen Mitte und in der Seitennaht
jeweils ein paar Zentimeter zugibt. Bedenke, daß jeder Zentimeter, den
man dem Schittdiagramm hinzufügt, 4 cm mehr Weite bedeutet.
Das Schnittdiagramm rechts stellt gleichzeitig Vorder- und Rückenteil dar; der einzige Unterschied besteht darin, daß der Ausschnitt vor tiefer ist. Der Ausschnitt wird vorn und hinten eingereiht, bevor die Dekoration montiert wird.
Hemden mit
Passe sind etwas anspruchsvoller, geben aber eine schöne Büste unter
einem ordentlich geschnürten Korsett. Bei manchen Varianten werden die
Stummel-Träger gleich mit an die Passe angeschnitten.
Der
vorn und hinten jeweils im Stoffbruch geschnittene Rumpfteil wird oben eingereiht.
Die hintere Passe wird zweimal im Bruch geschnitten, die vordere Passe viermal
einzeln mit Zugaben an allen Seiten. Die Passe wird zweilagig ausgeführt,
d.h. man näht zweimal eine vordere linke, hintere und vordere rechte Passe
je rechts auf rechts aneinander und bügelt die Nähte platt. Dann legt
man die beiden Lagen rechts auf rechts und näht sie entlang des Halsausschnitts
und des vorderen Schlitzes zusammen. Die Zugaben zurückschneiden, die genähten
Kanten ausbügeln und umdrehen. Die unteren Kanten schlägt man nach
innen um, schiebt den gereihten Rumpfteil zwischen die beiden Lagen und näht
ihn fest. Dann schließt man die Seitennähte, setzt die Ärmel
an, versäubert die Nähte und den Saum.
Auch hier ist die Unterarmweite ca. 130 cm und muß für breitere Figuren entsprechend angepaßt werden. Das ist bei diesem Schnitt etwas schwieriger, weil auch die Passe verbreitert werden muß. Hier reicht es nicht, nur in der vorderen Mitte etwas hinzuzufügen. Wenn man seitlich etwas hinzufügt, wird das Armloch größer und braucht demzufolge einen weiteren Ärmel was bei stärkeren Figuren sowieso sinnvoll ist. Man muß es nur eben beim Ärmelschnitt berücksichtigen. Füge also ein wenig (bis zu 1 cm) in der hinteren und vorderen Mitte hinzu, ein wenig an der Seite, und erweitere die Ärmel.
heißt
so, weil es im Schritt offen ist, während gegen 1900 auch geschlossene
Beinkleider aufkamen. Obwohl noch das Hemd darüber ist, wurde darüber
noch ein Anstandsrock getragen, um zu verhindern, daß z.B. bei einem Sturz
sich peinliche Einblicke ergeben. Da die Hosenbeine sehr weit geschnitten sind,
bekommt man gar nicht so viel Zugluft ab, wie man meint. Trotzdem hielt man
es für angebracht, mehrere Unterröcke zu tragen, um sich keine Blasenentzündung
zu holen. Im Winter ist das wahrscheinlich auch sinnvoll.
Das
alles erscheint auf den ersten Blick zwar viel umständlicher, als einfach
eine "normale", d.h. geschlossene, Unterhose zu tragen, aber solange
Rockunterbauten wie Krinolinen und Tournüren üblich waren, war es
noch weitaus umständlicher, die Hose bei jedem Topfgang unter all diesem
Gerödel hervor- und wieder zurückzufabrizieren.
Das offene Beinkleid besteht im Grunde aus zwei einzelnen Hosenbeinen, die eingereiht an einen hinten offenen Bund gesetzt werden. Dabei läßt man die Beine vorn ein wenig überlappen, damit es dort nicht so leicht aufklafft. Man kann sie auch ein Stück weit zusammennähen. Im Bund wird ein Tunnel eingerichtet und ein Zugband hindurchgezogen, das gleichzeitig als Verschluß und Weitenregulierung dient. Im Schnitt (rechts, in vier verschiedenen Größen) ist der Bund weggelassen. Man macht ihn ca. 6 cm breit (plus zugaben) und so lang wie die korsettierte Taillenweite.
Unten am Bein wurden oft schmale Biesen in verschiedener Zahl abgenäht. Dekoration aus Wäschespitze ist optional und eine reine Geschmacksfrage. Eingereiht wurden die Beine unten nicht.

kamen
erst in Mode, als es unter dem Rock nicht mehr gar so kompliziert zuging, also
etwa im Verlauf der 1890er. Der Verschluß wurde seitlich zum Knöpfen
eingerichtet. Der Schlitz wird in die äußere Naht zwischen den beiden
Teilen eines jeden Beines eingearbeitet und natürlich versäubert.
Biesen im Bein wurden nicht gemacht; stattdessen wurde die untere Beinöffnung eingereiht und an ein Kniebündchen gesetzt, das weit genug sein muß, daß der Fuß hindurchpaßt und es bequem am Bein sitzt. Schlitz und Verschluß wie eine Kniebundhose hat das Kniebündchen nämlich nicht. Zwar sind Spitzenvolants auch hier nicht verpflichtend, aber als optisches Gegengewicht zum eingereihten Bein sehen sie einfach besser aus. Es ist auch möglich, das Kniebündchen wegzulassen (d.h. das Bein wird nicht eingereiht), aber dann muß man das Hosenbein entsprechend länger schneiden.
Allzu praktisch waren diese Beinkleider auch ohne Rockunterbauten nicht, so daß gegen 1900 das sogenannte Reformbeinkleid mit aufknöpfbarer "Heckklappe" erfunden wurde. Einen Schnitt hierzu gibt es auf der Seite der 1900er Schnitte.
*) Auf dem Land war man konservativ. Bis ins frühe 20. Jh. blieb das Hemd so wie um 1800 und es wurde keine oder eine offene Unterhose getragen.