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Weil
ein Korsett richtig sitzen muß, sollte man nicht blindlings einem Kaufschnitt
vertrauen, auch wenn er noch so gute Kritiken erhalten hat. Schließlich
sind keine zwei Figuren genau gleich. Außerdem sind die meisten Korsettschnitte
so modernisiert, daß sie auf heutige Körper passen, d.h. sie schnüren
die Taille nur mäßig ein, während sie um die Hüfte herum
nicht gar so weit sind. Das ist auch gut so, denn erstens hat eine Frau, die
vom frühen Teenagealteralter geschnürt wurde, einen entsprechend verformten
Oberkörper, d.h. die Taille konnte leichter besonders eng geschnürt
werden, und zweitens waren diese früh verformten Frauen eher die Ausnahme,
als zeitgenössische Modekupfer es glauben machen. Erfreulicherweise gab
es im späten 19. Jh. schon Fotografie, die die übertriebenen Modekupfer
in ein realistischeres Licht rückt.
Andererseits beruht die Wirkung eines Korsetts, sofern der Oberkörper nicht verformt wurde, vor allem auf der Verdrängung weicher Masse, so daß eine dicke Frau sich eine Oberweite-Taille-Hüfte-Relation schnüren kann, die einer schlanken im Wortsinn den Atem nähme.
Also muß ein Probestück her. Der Stoff dafür muß nicht so kräftig sein wie der für das Korsett Hauptsache, er ist nicht dehnbar. Dafür muß man aber alle oder zumindest fast alle Tunnel machen, weil eine Anprobe nur mit den Stäben möglich ist.
Wir schneiden also aus Probestoff wie folgt zu: Jedes Teil viermal, das Teil mit den Vorder- bzw. Rückenkanten aber nur zweimal im Stoffbruch. Das gilt auch für diejenigen, die nur eine Lage verarbeiten möchten: Es wäre Verschwendung, die Tunnel jetzt schon aufzusetzen und sie später wieder abzutrennen. Die Nähte müssen sehr genau angezeichnet werden. Zeichne auch gleich die Tunnel mit an. An den Seiten gibt man viel Zugabe (ca. 2 cm), oben und unten aber keine.
Nähe beim Zusammensetzen möglichst genau an den Nahtlinien entlang. Die Tunnel dürfen ruhig etwas ungenau sein, sofern nur ihr Verlauf richtig ist. Setze die Schließe ein: Leg das Teil mit den Nägeln zwischen die beiden Lagen, an den Stoffbruch, und halte es mit Stecknadeln dort fest. Nimm ein spitzes Instrument, z.B. eine Nagelschere, bohre es über der Mitte jedes Nagels in den Stoff, und schiebe das so gemachte Loch mit der Schere über den Kopf des Nagels, zuerst auf der einen Seite, dann auf der anderen, als ob du ein besonders enges Knopfloch über einen kleinen Knopf zögest. Das Teil mit den Ösen wird auf den Bruch der Vorderkante gelegt, auf gleicher Höhe wie das Teil mit den Nägeln. Zeichne die Ober- und Unterkanten der Ösen auf dem Stoff an und schneide jeweils zwischen den Markierungen vorsichtig auf, so daß Du die Ösen dort hindurchschieben kannst, wenn Du die Schließe zwischen die beiden Stofflagen schiebst. Hefte um beide Schließenteile herum, damit sie nicht verrutschen können.
Die Schnürung machen wir ganz lummelig, indem wir das Schnürband mit einer dicken Nadel direkt durch den Stoff fädeln. Eine Anprobe wird diese Schürung schon überstehen. Schiebe alle vorgesehenen Stäbe in ihre Tunnel.
Zieh das Probeteil über das Hemd und laß es so fest zuschnüren, wie Du meinst, daß Du es in Zukunft tragen wirst. Am Anfang darf es ruhig etwas drücken: Das geht meist nach wenigen Minuten vorbei. Warte also mit dem Abstecken eine Weile und bewege Dich dabei etwas, bis Du sicher bist, daß das Probeteil überall eng genug, aber nicht zu eng anliegt. Die Schnürlücke hinten sollte zwischen 3 und 8 cm breit sein und dabei überall etwa gleich breit. Von der Taille abwärts darf die Lücken ein wenig weiter werden.
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| Abändern der Schnitteile und begradigen der Nahtlinien
bei (von links) zu enger Taille, zu weiter Taille, zu enger Oberweite |
Ist die Schnürlücke nicht gleichmäßig, ist das ein Zeichen, daß das Korsett auf der entsprechenden Höhe zu eng oder zu weit ist. Ist die Lücke z.B. oben und unten gerade richtig, aber in der Taille deutlich schmaler, dann mußt Du in der Taille Weite wegnehmen. Miß ab, um wieviel die Lücke zu klein ist. Ist sie oben und unten 5 cm breit, in der Taille aber nur 2 cm, dann ist der Schnitt in der Taille folglich um 3 cm zu weit. Dividiere diesen Wert durch die Anzahl der Schnitteile mal vier und zieh diesen Wert nur in der Taille an jeder Kante des Schnittes ab. Begradige die Schnittkanten entsprechend. Entsprechend wird verfahren, wenn die Lücke an einer anderen Stelle zu breit oder zu schmal ist.
Wieso mal vier? Weil aus z.B. drei Schnitteilen sechs werden (drei links, drei rechts) und diese jeweils zwei Schnittkanten haben. Deshalb muß man die Nähte auch so genau anzeichnen und nähen: Kleine Ungenauigkeiten haben große Wirkung. Das gilt in besonderem Maße, wenn später ein Oberstoff aufgelegt werden soll: Unterscheiden sich die Nahtlinien eines Teils nur um ein oder zwei Millimeter, könnte der Oberstoff über einer straff sitzenden Basis beuteln oder, schlimmer noch, die Basis zusammenziehen, so daß sich Falten bilden.
Falls eine solche Anpassung nötig war, solltest Du das Probeteil entsprechend abändern und noch einmal anziehen. Und zwar über der richtigen Unterwäsche, denn auch die hat einen Einfluß auf den Sitz.
Nun sollte ein Helfer zur Hand sein, der weiß, worauf es ankommt. Es ist nämlich jetzt zu prüfen, ob das Korsett an einer Stelle zuviel Luft hat, an einer anderen zu eng ist, und ob genügend Stäbe an der richtigen Stelle vorhanden sind. Und wie erkennt man das alles? Eben, genau deswegen sollte der Helfer Ahnung haben: Das ist nämlich gar nicht so leicht. Das ist auch das Hauptproblem bei der Korsettherstellung das Machen an sich ist vergleichsweise einfach.
Jemand mit reichlich Näherfahrung sollte in der Lage sein, die Problemstellen zu erkennen. Zwei Stellen sind vor allem wichtig: Die Brust und die Hüfte. Dazwischen muß sich der Körper dem Korsett anpassen. Die größte Gefahr ist, daß die Ober- bzw. Unterkante abstehen, weil der Schnitt dort weiter wird, der Körper das aber nicht auzsfüllt. Die Brust sollte locker im Körbchen liegen und es vollständig ausfüllen, aber nicht darüber hinausquellen. Ebenso an der Hüfte: Sie sollte unterhalb der Kante möglichst nicht als Wulst hervorquellen, aber die Kante sollte auch nicht in die Luft ragen. An der Unterkante ist eine kleine Ungenauigkeit nicht so schlimm wie oben, weil die Röcke das verdecken. Stellen mit zuviel Luft sind leicht zu erkennen und zu interpretieren: Da muß einfach Weite weg, und zwar zuerst an der Kante, die stärker gebogen ist. Wenn ein paar Millimeter an der einen Kante nicht reichen, muß an beiden Kanten weggenommen werden. Schwieriger sind Stellen, an denen sich diagonale Faltenwürfe zeigen: Dort, wo die Enden der Falten liegen, muß man evtl. Weite zugeben.
Wer das Korsett aus zwei Lagen kräftigen Stoffes macht, muß sich beim "Glattziehen" des Schnittes aber nicht allzusehr verkünsteln: Der Sinn des Korsetts ist es schließlich, daß es den Körper formt, d.h. im Großen und Ganzen muß sich der Körper dem Schnitt anpassen, nicht umgekehrt. Zu viel Weite kann natürlich nicht ausgefüllt werden, aber bei zu wenig Weite kann es sein, daß das endgültige, aus kräftigerem Stoff gefertigte Korsett die Massen einfach da hindrückt, wo sie hinsollen, so daß kleine Diagonalzüge einfach verschwinden.
Falls die Änderungen mehr als nur im Millimeterbereich (pro Schnittkante) waren, ist es empfehlenswert, ein weiteres Probeteil zu machen und dieses wieder anzuprobieren. Das mag in der Wiederholung etwas ermüdend sein, aber ein wirklich gut sitzendes Korsett ist nicht nur um Längen schöner als ein hingemogeltes, sondern auch die Grundvoraussetzung dafür, daß die Kleidung darüber gut sitzt. Wenn Du mit der Anpasserei ferig bist, solltest Du vom Probeteil nochmal den Schnitt abnehmen und ihn für die Zukunft aufheben. Man weiß ja nie...
Teil 3: Zusammensetzen