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Unter dem Motto "ein Bild sagt mehr als tausend Worte" habe ich im Gruselkabinett des 18. Jh. Bilder vorgestellt, die illustrieren, was man alles so falsch machen kann, daß das Ergebnis nicht mehr historisch aussieht. Kürzlich habe ich mich über eine Historienverfilmung mal wieder so geärgert, daß ich so eine Sammlung auch fürs 19. Jh. anlegen mußte. Momentan geht es nur um einen Film, aber ich bin sicher, die GEZ-finanzierten öffentlich-rechtlichen werden unsere Gebühren auf noch viel schlimmeres verschwenden. In der rechten Spalte habe ich versucht, jeweils an einem echt zeitgenössischen Gegenbeispiel zu zeigen, wie es richtig wäre.
Momentan macht nur ein Film den Anfang, aber mit der Zeit kommen sicher noch ein paar dazu.
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Der Film handelt von der Lebensgeschichte von Carl Benz, dem Erfinder des Automobils, und seiner Frau Bertha, der ersten Autofahrerin aller Zeiten. (Nein, sie war nicht die erste weibliche Autofahrerin aller Zeiten, sondern die erste Person, die jemals außerhalb eines Versuchsgeländes Auto fuhr. D. h. der erste Autofahrer der Geschichte war eine Autofahrerin.) Diese Szene dürfte in den sehr frühen 1870ern spielen, nämlich vor Berthas Hochzeit mit Carl Benz. In diesem Bild sieht man am Knick/Faltenwurf unter der Brust sehr gut, daß Bertha kein Korsett trägt, was im späten 19. Jh. völlig unmöglich war. Die halblangen Ärmel (mit Abschlüssen, die sehr entfernt ans 18. Jh. erinnern) und der tiefe, wenn auch schmale Ausschnitt wären in der hochgeschlossenen Gründerzeit nur für Diners passend gewesen (d.h. am Abend), aber sicher nicht für einen Nachmittagsspaziergang im Park, wie in dieser Szene. Eine Kopfbedeckung trägt sie skandalöserweise auch nicht. Rechts: Promenadenkleid, zwar mit ähnlichem Revers, aber - Achtung! - durch einen Einsatz mit Stehkragen doch wieder hochgeschlossen. Die "Tütenärmel" sind entfernt ähnlich, reichen aber bis zum Handgelenk und die "Tüten" sind nicht angesetzt, sondern der Ärmel verbreitert sich einfach. Alle Figuren in dem Modekupfer, aus dem dieser Ausschnitt stammt, tragen hochgeschlossene Kleider und (!) Hüte. |
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Bertha heiratete Carl Benz 1872. Eine Braut hätte im späten 19. Jh. niemals in einem ärmellosen Kleid mit Ausschnitt geheiratet: Ärmellos und weiter Ausschnitt war Ballkleidern vorbehalten und damit reine Abendkleidung. Geheiratet wurde (und wird in dieser Szene) aber tagsüber. Brautkleider waren daher ebenso hochgeschlossen und langärmelig wie Tageskleider. Rechts: Braut der frühen 1870er. Langärmelig und hochgeschlossen, wie auch noch in den 1880ern. |
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Immer noch Hochzeit, 1872. Anstatt richiger Tournüren, die hinten ordentlich ausstellen, tragen die Damen offenbar Röcke mit nichts darunter und nur ein paar eher traurig herabhängenden Puffs obendrauf. Das hellgrüne Kleid der rechten Dame des linken Bildes ähnelt in vielerlei Hinsicht dem im Bild rechts, und gerade dadurch werden die Unterschiede besonders deutlich: Ein Reißverschluß im Rücken, wo überhaupt kein Verschluß hingehört (wie schon im 18. Jh. fragt man sich, was an einem Verschluß vorn bitteschön so unwahrscheinlich ist), ein ähnlicher Puff über dem Hintern, der aber nicht absteht, sondern fast bis in die Kniekehlen einfällt und irgendwie ausgestopft aussieht. Bei der Männerkleidung kenne ich mich nicht so aus, aber von einem Bräutigam hätte ich zu so einem festlichen Anlaß einen Frack erwartet, mindestens aber einen schwarzen Gehrock, wie ihn der rechte Herr trägt, und nicht so einen lässigen, braunen Alltagsanzug wie hier. Und Handschuhe! Die trug der Herr auch im Sommer. Undenkbar, einer Dame seine blanken, schwitzigen Pfoten zu reichen. |
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Wir sehen hier eine Dienstmagd, die das Gepäck der Frau Benz auslädt.
Vor meinen Ohren tönt das alte Lied: Was ist an einem Verschluß vorne so unwahrscheinlich, daß nahezu alle Frauenklamotten in egal welchem Film Rücken-Reißverschlüsse haben? Das Modekupfer rechts möge als eines von vielen, vielen Beispielen dafür dienen, daß im späten 19. Jh. ein Knopf- oder Hakenschluß vorn üblich war. Rückenschnürungen kamen fast nur bei Ballroben vor - und die wurden nicht unter Übertritten verborgen. Schon gar nicht unter solchen, die so schmal sind. |
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