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Verschiedene Leute haben verschiedene Definitionen davon, was Rokoko ist. Das ist auch ganz in Ordnung so, aber wenn man sich produktiv über das Thema verständigen will, muß man sich erstmal auf eine Definition einigen. Genau deswegen ziehe ich es vor, diese Site nach Jahrhunderten anstatt nach Stilepochen zu unterteilen: Über Jahreszahlen muß man wenigstens nicht diskutieren. :)
Da Kostümgeschichte bis heute nicht als eigenständige, ernstzunehmende Wissenschaft anerkannt ist, leiht sie sich ihre Epochenbegriffe zumeist aus anderen Bereichen, v.a. aus der Malerei, Architektur und Ornamentik (die wiederum als Seitenzweig der Architektur gilt). In diesen Bereichen gilt das Rokoko als die Zeit zwischen ca. 1720 und 1760.
Am augenfälligsten ist die Unterscheidung zwischen dem vorangegangenen Barock und dem nachfolgenden Klassizismus in der Ornamentik: Gewundene Ranken und sogenanntes Muschelwerk, wie es oben zwischen Titel und Text zu sehen ist, sind für das Rokoko typisch. Ihre herausragenden, ja stilbildenden Merkmale sind Asymmetrie und Unregelmäßigkeit, die nur im Rokoko als ästhetisch galten, nicht aber im Barock oder Klassizismus und eigentlich auch in keiner anderen Stilepoche: Selbst der Jugenstil, der hin und wieder Asymmetrie zuläßt, bevorzugt Symmetrie. Wie trotz des Gegensatzes zwischen Symmetrie und Asymmetrie behauptet werden kann, daß Rokoko nur eine Spätform des Barocks sei, ist mir schleierhaft. Für die Mode ist die Bezeichnung "Barock" völlig ungeeignet, weil sich zwischen 1615 und 1780 einfach zu viel verändert hat.
Bereits in den frühen 1760ern - und nicht etwa, wie viele denken, mit der Französischen Revolution - kommt im Bereich der Ornamentik der (Früh-)Klassizismus auf, wie einige eindeutig klassizistische Stücke aus dem Nachlaß der Madame Pompadour (+1764) beweisen. Die Revolution war gar nicht der große stilistische Wendepunkt, für den sie oft gehalten wird: Die Hinwendung zur klassischen Antike begann in der Ornamentik schon Dekaden zuvor; die Mode wandelte sich ab ca. 1780 grundlegend, fand aber erst Jahre nach der Revolution allmählich zu der typischen Directoiremode mit hoher Taille.
Also was ist "Rokoko" im Zusammenhang mit Mode? Die wenigen allgemein zugänglichen deutschsprachigen Kostümbücher nehmen es oft nicht so genau, und die Fachlehrer folgen ihnen darin, vielleicht aus Unkenntnis der Epochenbezeichnungen in anderen Sparten: Die meisten Kostümhistoriker, Gewandmeister und wer sich sonst noch mit Kostümgeschichte beschäftigt, haben zuerst eine Schneiderlehre absolviert und wurden dabei von Lehrern irregeleitet, die selbst nur wenig Ahnung von Kunstgeschichte haben*. Damit will ich wohlgemerkt nicht diese Leute diskreditieren, denn eine Lehre findet für gewöhnlich in einem frühen Lebensabschnitt statt, in dem man Erwachsenen (außer den eigenen Eltern ;-)) noch weitgehend glaubt. Ich will selbige vielmehr ermutigen, die gelernten "Wahrheiten" zu hinterfragen. Um ein Gefühl für Stile zu entwickeln, muß man sich auch mit anderen Sparten der Kunstgeschichte auseinandersetzen: mit der Musik, Architektur, Ornamentik, Malerei, Plastik und Kunsthandwerk.
Rokoko als Stilepoche der Mode ist für mich definiert als die Zeit der Watteaufalten bei den Frauen und der weiten Rockschöße bei den Männern. Interessanterweise, und sicher nicht ganz zufällig, fällt diese Epoche ziemlich genau mit der entsprechenden Epoche in der Ornamentik zusammen, nämlich ca. 1720 bis 1760, und das wiederum mit den französischen Epochenbezeichnungen "Régence" und "Louis XV". Da das die Zeit um 1760-93 zwischen Rokoko und Directoire in der Schwebe läßt, und die Konstruktion der Gewänder sich in dieser Zeit nicht grundlegend änderte, zähle ich diese Jahre unter Grummeln noch zum Spätrokoko. Aber nur, weil sich kein passenderer Begriff anbietet. ;) Die Franzosen haben es da einfacher: Sie nennen es Louis XVI.
*) Mehrere Hobbykolleginnen berichteten mir z.T. Schreckliches ausdem Berufsschul-bzw. FH-Unterricht.