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Strümpfe
gehören zu jenen Kleidungsstücken, die sich der Nachforschung weitgehend
entziehen: Es wurde selten über sie geschrieben und es gibt kaum erhaltene
Stücke in Museen. Zumindest bei Männern sind sie oft genug auf Bildern
zu sehen, aber das erlaubt leider noch keine Rückschlüsse auf Material
und Technik.
"Strümpffe,
Seynd ein Überzug der Füsse, von Wolle, Zwirn, Garn, Seide, Bieber-Haaren oder Castor und Baum-Wolle gewebet, gewalcket, genehet oder gestricket, manchmahl mit gold und silbernen Zwickeln gezieret; zur Sommers-Zeit träget das Frauenzimmer auch dergleichen von Leder, wider den Mücken-Stich."
(Frauenzimmer-Lexicon, 1715)
Neben
den vertrauten Strickstrümpfen gab es also auch solche aus gewebtem Stoff,
Filz oder Leder. Zwar waren Stricken und verwandte Techniken schon seit Jahrhunderten
bekannt*, aber für Strümpfe scheint gewebtes - also nicht dehnbares
- Material zuerst verwendet worden zu sein. Das scheint verwunderlich, da Gestrick
durch seine Dehnbarkeit doch so geeignet für enganliegende Strümpfe
ist, während genähte Strümpfe dazu neigen, Falten zu werfen und
womöglich Reibstellen verursachen. Eine mögliche Erklärung ist
die, daß es leichter ist, dünne Stoffe zu weben als (aus sehr dünnem
Garn und mit sehr kleinen Maschen) ebenso dünne Strümpfe zu stricken.
Strümpfe in der Dicke von Skisocken waren der Mode nicht fein genug, während
feine Strickstrümpfe, der damit verbundenen mühsamen Handarbeit wegen,
sehr teuer waren - aber wahrscheinlich kaum länger hielten als heutige
Nylons, wenn man die damaligen Waschmethoden
bedenkt.
Schon relativ früh im 18. Jh. - die Quelle, in der die genaue Jahreszahl steht, habe ich gerade nicht im Zugriff - wurde eine Wirkmaschine erfunden, die die schnelle Herstellung feiner Strickstrümpfe ermöglichte. Der Unterschied zwischen Stricken und Wirken besteht darin, daß beim Wirken alle Maschen einer Reihe auf einmal gebildet werden und nicht, wie beim Handstricken, eine nach der anderen**. Das Ergebnis sieht aber gleich aus. Die maschinell hergestellten Strümpfe waren weitaus billiger als handgestrickte und folglich einem größeren Bevölkerungskreis zugänglich. So wurde die weite Verbreitung von Baumwoll- und Seidenstrickstrümpfen möglich.
Ein
aus nicht oder kaum dehnbarem Material genähter Strumpf kann natürlich
unmöglich ohne Nähte aus einem Stück gefertigt werden, wie es
bei heutigen Strickstrümpfen der Fall ist. Er bestand aus zwei Teilen:
Der größere bildete den Schaft, die Ferse und den oberen Teil des
Fußes, der kleinere die Sohle. Die Skizze rechts (durch Anklicken vergrößerbar)
gibt eine Idee davon, wie die Teile geformt sind. Die gepunktete Linie zeigt,
wo die Naht verläuft: In der hinteren Mitte des Beines bis unter die Ferse.
Für eine bessere Paßform wurde dort, wo im größeren Teil
die Schlitze für die Ferse eingezeichnet sind, ein Zwickel eingesetzt,
der bis über den Knöchel hinaufzureichen pflegte. Man verzierte ihn
gern mit Stickerei (siehe obiges Zitat) und manchmal hatte er eine völlig
andere Farbe als der Rest des Strumpfes.
Auch gestrickte Strümpfe haben hinten eine Naht, wobei sich die Frage stellt, ob man diese quasi aus Traditionsgründen durch entsprechende Maschen simuliert hat (wie es für das 19. Jh. nachgewiesen ist) oder ob auch Strickstrümpfe in der oben genannten Form flach gestrickt und dann zusammengenäht wurden. Selbst heute gibt es Nylonstrümpfe mit (Pseudo-) Naht, obwohl das technisch schon längst nicht mehr nötig ist. Daß mit Nadelspielen rundgestrickt wurde, ist durch entsprechende Abbildungen erwiesen. Und was sollte man rund stricken, wenn nicht Strümpfe und Armstutzen? Rein technisch hätte man also Strümpfe ohne Naht stricken können.
Kürzlich
sah ich bei einer Ausstellung im Bayerischen Nationalmuseum an einer Figurine
Strümpfe (Bild links), an denen man sehr schön einen Zwickel erkennen
kann, der quer zu den restlichen Maschen gestrickt ist, aber viel höher
als bei modernen Strümpfen. Strickt man die Strümpfe flach und formt
die Sohle so, daß sie am geraden Rand (zur Ferse hin) sehr breit wird,
dann müßte das Ergebnis so aussehen. Auch beim Rundstricken müßte
das möglich sein, wenn man die bis heute überlieferte Methode entsprechend
abwandelt. Möglicherweise existierten die Rund- und Flachstrick-Methoden
eine Zeitlang parallel.
Wie auch immer man das im 18. Jh. nun gemacht hat: Für diejenigen unter uns, die des Strickens nicht mächtig sind, haben flachgestrickte Strümpfe den Vorteil, daß wir solche auch aus fertigem Trikot wie z.B. T-Shirt-Stoff nähen können.
Einen Schnitt zu liefern, wäre ebenso sinnlos wie unnötig: Ein Schitt wird schwerlich allen passen, aber einen selbst zu entwerfen, ist denkbar einfach. Dazu kommt, daß der Schnitt je nach der Dehnbarkeit des Materials variiert werden muß: Je dehnbarer das Material, desto enger muß der Zuschnitt sein, damit der Strumpf schön eng anliegt, ohne allzu sehr zu rutschen. Du wirst also mit Deinem jeweiligen Material experimentieren müssen.
Nimm
das Bild rechts als Vorlage und laß Dir nach Möglichkeit die Maße
von jemand anderem abnehmen, während Du aufrecht stehst: Bücken verzerrt
die Maße ein wenig. Alle eingezeichneten Maße (mit Ausnahme natürlich
der Fußlänge A'+B) sind Unfangsmaße. Um daraus einen Schnitt
abzuleiten, brauchst du zusätzlich für jedes Umfangsmaß den
jeweiligen Abstand vom Boden.
Bis wohin der Strumpf reichen soll (Maß F), ist Geschmackssache; sicher ist, daß er deutlich bis über das Knie reiche sollte. V.a. vor 1750 sieht man des öfteren bei Männern, daß der Strumpf über der Culotte bis übers Knie gezogen und wieder nach unten gefaltet wurde, d.h. er muß etwa zwei Handbreit über dem Knie geendet haben. Bei Frauen dürfte es ebenso gewesen sein.
Male
auf ein großes Blatt Papier eine Linie, die die Länge des Strumpfes
und gleichzeitig den Stoffbruch darstellt. Miß von unten her die Fußlänge
B darauf ab und markiere sie. Miß von dort aus waagerecht ein Viertel
von Maß A ab. Dort endet der Schlitz zwischen oberem Fußteil und
Fersenteil. Miß von dort wieder A/4 nach unten und um das Maß A'
waagerecht nach außen. Damit hast Du Länge und Breite des Fersenteils.
Dann trägst Du die verschiedenen Abstände der Bein-Umfangsmaße vom Boden auf der senkrechten Linie ein. In der Skizze sieht es zwar so aus, als entspräche das untere Ende der Ferse der Bodenlinie, aber das stimmt nicht ganz: Der Fersenteil biegt sich ja um die Ferse herum. Die eigentliche Bodenlinie liegt also ca. 2-3 cm oberhalb. Geh von jeder Markierung waagerecht auswärts und trage das zugehörige halbe Umfangsmaß ein. Die so markierten Punkte müssen nun durch Kurven verbunden werden, um die Außenlinie des Schnittes zu erhalten. Orientiere Dich dabei an der Skizze oben.
Das Ergebnis ist aber erst der Rohschnitt man kann ihn nicht exakt so benutzen, wie er daliegt. Macht man die Strümpfe aus gewebtem Stoff, dann sind die Maße schon ganz richtig, aber Achtung: Das Maß E ist kleiner als die Wade D, aber wenn man den Strumpf anziehen will, muß die Wade hindurchpassen. Man darf den Strumpf an dieser Stelle also nicht enger schneiden als das Maß D. Auch bei der schmalsten Stelle am Knöchel muß man sicherstellen, daß der Fuß hindurchpaßt. Einen Strumpf aus gewebtem Stoff sollte man im schrägen Fadenlauf zuschneiden, damit er wenigstens ein bißchen nachgibt.
Macht man den Strumpf aus Wirkware oder strickt selbst, dann darf E enger sein, aber eben nur so weit, wie sich der Stoff dort ausreichend dehnt. Vor allem aber muß man herausfinden, um wieviel Prozent sich der Stoff dehnen läßt. Nimm nicht die maximale Dehnung, denn der Strumpf soll ja später nur anliegen, nicht spannen. Außerdem führt eine allzu starke Querdehnung dazu, daß sich die Länge verkürzt, was den gesamten Strumpf verzerren würde. Um die Prozentzahl, um die sich das gestrick dehnen läßt, müssen die waagerecht abgetragenen Maße des Schnittes verkleinert werden. Die Maschen des Gestricks verlaufen entlang des Stoffbruchs.
Für die Sohle habe ich in der Skizze zwei Alternativen gezeichnet: Links die einfache Variante, die Du für den ersten Versuch benutzen solltest. Rechts die Variante mit Zwickel, für die man den Fersenschlitz verlängern muß.
Das
Zusammennähen dürfte keiner weiteren Erläuterungen bedürfen.
Was das Tragen betrifft: Natürlich werden die Strümpfe rutschen, egal,
wie gut sie anliegen oder woraus sie gemacht sind. Deshalb müssen sie durch
ein Strumpfband gehalten werden auch bei Männern. Das kann ein Stück
gewebtes Band sein, das zu einer Schleife gebunden wird, oder ein Lederriemen
mit Schnalle. Man bindet es um die schmale Stelle zwischen Knie und Wade. Ein
Strumpfband oberhalb des Knies hat sich in der Praxis als fast unmöglich
erwiesen. Das funktioniert nur, wenn das Knie dicker ist als der Oberschenkel
oder - bei Männern - wenn der Strumpf über die Culotte gezogen wird,
so daß der Strumpf einerseits durch Reibung auf der Hose haftet, andererseits
das Strumpfband durch die Knöpfe am Knie am Abrutschen gehindert wird.
Oft wird gefragt, warum in Gemälden und Stichen trotzdem immer wieder dargestellt
wurde, wie Frauen das Strumpfband oberhalb des Knies befestigen. Die IMHO plausibelste
Erklärung ist, daß es sich sämtlich um Genrestücke mit
erotischer Absicht handelt: Je mehr Bein zu sehen ist, desto prickelnder. Je
höher das Strumpfband befestigt wird, desto höher darf der Künstler
den Rock rutschen lassen. Immerhin befand man es noch in den 1920er Jahren eines
Liedes für wert: "Ich hab dein Knie geseh'n/Das durfte nie gescheh'n..."
Falls die obige Anleitung zu verworren war, kommst Du vielleicht mit Bettinas Anleitung besser klar.
*) Nadelbinden mindestens ab dem Frühmittelalter, im Ägypten
sogar seit vorchristlicher Zeit; Stricken ab dem Hochmittelalter. Aus dem 16.
Jh. sind kunstvolle Strickjacken erhalten.
**) Meyer's Enzyklopädisches Lexikon, 1974