| INDEX | 1300-1599 | 17. JH. | 18. JH. | 19. JH. | 20. JH | ÜBERGREIFEND | ETHNO | |
| VERMISCHTES | FLOHMARKT | ALTE MUSIK | FORUM | GÄSTEBUCH | KONTAKT | SUCHE |
|
|
Die Frage stellt sich spätestens dann, wenn der Sommer mal wieder völlig verregnet ist: Was trägt man, wenn es kalt ist? Für Männer, deren Anzug aus Wollstoff ist, stellt sich die Frage nicht ganz so dringend. Für Frauen gibt es Mantelets und Plisses, die aber für richtige Winterkälte nicht taugen.
Die wirklich warme Antwort für beide lautet: Radmantel. Er ist erfreulicherweise so einfach, daß man dafür keinen Schnitt braucht.
Der Hauptunterschied zwischen Frauen- und Männermänteln ist die Länge. Während Männermäntel plusminus knielang sind, sind Frauenmäntel meist nur hüft- bis oberschenkellang. Das liegt wahrscheinlich daran, daß der schwere Mantel zu sehr auf den Reifrock drücken würde und daß es unter mehreren Röcken untenrum sowieso schon recht warm ist*. Außerdem haben Männermäntel Krägen, Frauenmäntel aber eher Kapuzen. Der fast bodenlange Radmantel mit einer oder mehreren Pelerinen, den man landläufig Kutschermantel nennt, kam erst sehr spät im 18. Jh. auf.
Als Stoff eignet sich nur Mantelwolle oder Loden. Beliebte und nachgewiesene Farben sind Schwarz, Grau, evtl. Braun, und bei Frauen auch mal Rot. Da weder auf Gemälden noch in Museen allzu viele Mäntel erhalten sind, ist es durchaus denkbar, daß es auch andere Farben gab, die nur nicht dokumentiert sind.
Einen Radmantel zuzuschneiden, ist keine große Kunst: Die Grundform ist ein Halbkreis. Das ist zwar noch nicht alles, aber es ist die Basis. Würde man einfach einen normalen Halbkreis schneiden, mit einem halbkreisförmigen Ausschnitt für den Hals, dann würde der Mantel kaum um die Schultern reichen, weil der Weitenunterschied zwischen Hals und Schultern sehr groß ist. Also schneidet man den Halsausschnitt weiter, indem man ihn nicht halbkreisförmig macht, sondern in der Form eines halben Ovals. 50 cm Breite bei 15 cm Tiefe sind in etwa das richtige Maß; bei besonders breitschultrigen Personen können es auch 60 auf 20 cm werden.
Soll der Mantel 120 cm lang werden, dann muß jeder Punkt der Unterkante radial 120 cm vom entsprechenden Punkt der Halsausschnitts entfernt sein. Leg den Stoff ausgebreitet hin und miß entlang einer Webkante zuerst die gewünschte Mantellänge vom einen Ende des Stoffes her ab (markieren), dann die Breite des Halsausschnitts (markieren) und nochmal die Mantellänge (markieren). Markiere auch die Mitte des Halsausschnitts und miß von dort im rechten Winkel in den Stoff hinein die Tiefe des Halsausschnitts ab. Verbinde die drei Markierungspunkte für den Ausschnitt so, daß es ein Oval ergibt.
Befestige an der Mitte des Halsausschnitts einen Hilfsfaden, z.B. indem Du ihn dort festnähst. Leg den Hilfsfaden zuerst im rechten Winkel über den Stoff, also parallel zur Kette. Miß die gewünschte Mantellänge entlang des Hilfsfadens ab, und zwar von der Markierung für den Halsausschnitt ab. Markiere den Punkt. Laß dann den Hilfsfaden ein Stück weiterwandern, wie einen Uhrzeiger, und miß wieder die Mantellänge ab: Von dem Punkt, wo der Faden den Halsausschnitt kreuzt, am Faden entlang. Markiere die Stelle. Und immer so weiter, bis Du genug Markierungen gemacht hast, daß Du Dir zutraust, die zu einer gleichmäßigen, ungefähr halbkreisförmigen Linie zu verbinden.
Es reicht, einen Viertelkreis so zu behandeln: Faltet man den Stoff quer, kann man zwei Lagen Stoff entlang der gefundenen Linien für Halsausschnitt und Saum schneiden und sorgt so dafür, daß der Mantel symmetrisch wird.
Kunstvoll wird es, wenn man die erforderliche Stoffmenge auf den vorhandenen Stoff puzzeln muß. Für einen Frauenmantel reichen 100 cm Länge bei 160 Körpergröße, die leicht aus einem 150-160 cm breiten Wollstoff geschnitten werden können. In einem solchen Fall braucht man etwa 100+50+100 cm Stoff (Mantellänge mal zwei plus Ausschnittweite), also 2,5 Meter in der Länge, und 15+100 cm (Ausschnittiefe plus Mantellänge) in der Breite. Wenn man es kunstvoll anstellt und etwas stückelt, kann man die Kapuze aus dem Rest machen, oder man kauft (v.a. für Körpergrößern über 160) ca. 40 cm mehr.
Ein Männermantel ist ungefähr 130 (bei Körpergröße 170) bis 150 cm lang. Da Männer meistens breitere Schultern haben, würde ich einen Halsausschnitt von ca. 55-60 cm Breite und 20 cm Tiefe empfehlen. Bei 20 cm Tiefe läßt sich ein 130 cm langer Mantel gerade so mit einem 150 cm breiten Stoff machen.
Ist der Stoff zu schmal, um die gesamte Mantellänge aus der Stoffbreite zu schneiden, dann strückelt man aus den sich ergebenden Resten etwas an. In solchen Fällen muß man mehr als 2x Mantellänge plus Ausschnittweite kaufen, um genug Stoff zum anstückeln zu haben und obendrein Stoff für den Kragen.
Ist der Mantel fertig ausgeschnitten und, falls nötig, zu einem Halbkreis zusammengefügt, dann reiht man den Halsausschnitt ein, bis seine Weite in etwa der Halsweite des Trägers entspricht. Bei Männermänteln setzt man nun den Kragen an, bei Frauenmänteln die Kapuze, die so verfertigt wird, wie beim Mantelet beschrieben. Für einen feinen Frauenmantel sollte die Kapuze z.B. mit Seide gefüttert werden, bevor man sie einsetzt.
Als Verschluß dienen entweder am Hals angebrachte Bänder (wie beim Mantelet) oder eine Kombination von Haken und Kette. Zierliche Haken-Ösen-Kombis aus Zinn sind fragwürdig.
Schließlich gibt es noch die Möglichkeit, einen Mantel aus mehr als einem Halbkreis zu machen. Bei Diderot ist der Vollkreis-Mantel sogar der Standard. Ein solcher ist wegen der größeren Stoffmenge zwar schwerer, aber dafür klafft er vorn nicht so leicht auf, um Kaltluft hereinzulassen. Außerdem kann man ihn umso dekorativer um sich drapieren. Von einem zwei-Drittel-Kreis bis zu einem vollen Kreis ist alles drin. Wieviel mehr Stoff dafür nötig ist, darst Du Dir selbst ausrechnen. ;)
*) Wer das noch nicht ausprobiert hat, glaubt es vielleicht nicht, aber es stimmt. Unter zwei, drei fast Bodenlangen Röcken bildet sich eine regelrechte Wärmeglocke. Das liegt daran, daß warme Luft nach oben steigt. Kaltluft kann nur von unten herein, aber da ist schon alles von Warmluft besetzt. Radmäntel funktionieren genauso.
Wednesday, 21-Mar-2007 23:08:13 MET