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Die Herstellung einer Contouche

Teil 1: Vorbereitungen und Material




Der Stoff

Welche Stoffe geeignet sind, ist hier nachzulesen. Besonders geeignet sind Seidentaft, Atlas oder Satin, Brokat und Damast sowie (außer in Preußen) buntbedruckte Baumwollstoffe. Der Stoff sollte lieber steif als fließend sein. Wahrscheinlich war die Contouche aufgrund ihres hohen Stoffverbrauchs für das einfache Volk (also alles unterhalb einer Kammerzofe in höheren Diensten) unerschwinglich, so daß Gemeine eher eine jackenartige Kurzversion (siehe Kap. 8) trugen.

Wer's kurz und schmerzlos will: Wer den hier verwendeten Schnitt gut auf einen einfarbigen Stoff puzzelt, nicht größer ist als 165 cm und keine Volants als Verzierung aufsetzen will, kommt insgesamt mit 7-8 Metern @ 150 Breite oder 10-12 Metern @ 90 aus. Bei gemusterten Stoffen 1-2 Meter mehr, je nach Breite.

Du denkst jetzt vielleicht, daß das verdammt viel Stoff ist. Ja, ist es. Du denkst vielleicht, daß das übermäßig großzügig ist, und daß Du mit wensiger auskommst, weil Du ja klein und schlank bist. Nein, glaub mir: Du wirst, wenn überhaupt, nicht viel übrigbehalten. Ich gehe ja eh von eher kleinen (<165 cm) Figuren aus, und schlank oder dick spielt kaum eine Rolle. Ich habe jetzt fünf Contouches gemacht und acht weitere machen geholfen, und jedesmal wieder stelle ich fest, daß großzügiger Stoffkauf viel Kopfzerbrechen erspart. Immer wieder erlebe ich es, daß jemand aus Geiz oder Geldnot mit dem Stoff knappst und dann dumm aus der Wäsche schaut, weil es hinten und vorn nicht reicht. Wenn Du wirklich in Geldnöten bist, solltest Du

Punkt 2 und 3 lassen sich schwer kombinieren, außer Du erwählst dir 1750 plusminus 5 Jahre. Wobei die kleineren Paniers wahrscheinlich (reine Vermutung!) mehr Stoff sparen als die Verzierungen mehr verbrauchen. Das kommt natürlich sehr auf die Verzierungen an.

Wer länger oder breiter ist oder es ganz genau wissen will: Eher breit gebaute Personen brauchen nur minimal mehr Stoff, lang gebaute aber deutlich. Die Rechnung für sparsame Schnitte (wie diesen hier) und 150 cm Stoffbreite (einfarbig) geht etwa so:

*) d.i. volle Körpergröße incl. Kopf: Dann geht eine kleine Schleppe raus. Für Leute ab 170 cm noch 10-20 cm mehr.
**) Das ergibt bei 150 breitem Stoff 3 Meter Rockumfang, das Minimum.

Wenn Du besonders groß bist, beachte, daß du deutlich mehr Stoff in die Rückenfalten stecken solltest, damit sich um den Saum herum genug Weite ergibt. An der Naht entlang der Rückenmitte mußt Du also entsprechend zugeben. Wieviel genau, ist schwer zu sagen, man muß es eigentlich probieren. Grober Fingerzeig: Eine Person von 180 cm sollte mindestens 30 cm zugeben - pro Schnitthälfte, d.h. es sind insgesamt 60 cm mehr Stoff im Rücken. Vielleicht reicht das noch nicht einmal... ich weiß es nicht, da fehlt mir die Erfahrung. :(

Wenn Du besonders dünn bist, laß den Schnitt einfach so - der zusätzliche Stoff wird einfach in Falten verschwinden. Wenn Du besonders dick bist, gib ein paar cm in der Rückenmitte und an der Vorderkante zu. Wie zugeben? Tu einfach so, als wäre es eine besonders große Nahtzugabe. Es sind ja gerade Kanten, so daß nichts weiter zu beachten ist.

Falls das Kleid mit Volants und Rüschen besetzt werden soll, addiere zu allen obigen Angaben nochmal ein bis anderthalb Meter.

Eine Sparversion, den Mogelrock, gibt es auch: Dabei schneidet man die Jupe aus einem beliebigen, billigen Stoff zu und belegt nur den sichtbaren dreieckigen Bereich vorne mit Oberstoff, sowie rundherum den Saum in 20-30 cm Höhe. Das kann bei Wind etwas peinlich werden oder wenn man den Rock hochrafft, ist aber historisch verbürgt: Sogar die Pompadour hatte solche Mogelröcke in ihrem Nachlaß.

Für das Futter braucht man bei 150 cm Breite ca. 50-75 cm festen Stoff in Leinenbindung oder Köper. Das Futter muß die ganze Konstruktion zusammenhalten, darf sich also nicht verziehen und muß ein bißchen was an Zug aushalten. Geeignet sind z.B. alte aber noch nicht mürbe Bettücher, Mangeltücher, Nessel, gleichmäßig gewebte Vorhangstoffe u.ä. Zusätzlich solltest du eine unbestimmte Menge ähnlich gearteten, billigen Stoffes haben (ich nenne sowas Pfuibäh-Stoff - mein Favorit ist "Bomull" von IKEA), für Probeschnitte.

Sonstiges Material

Etwas in der Art einer Schneiderpuppe bzw. eine sehr geduldige Freundin... Da handelsübliche Schneiderpuppen nicht ganz die korsettierte Figur nachbilden können, ist ein lebender Helfer zum Abstecken an der eigenen Person sehr wichtig; die Puppe kann bestenfalls zwischen den kritischen Phasen die zweite Person ersparen. Diese zweite Person sollte idealerweise eine gewisse Ahnung davon haben, worauf es ankommt. Oder Du machst Dir selber eine Puppe - Ideen dafür findest du auf der Schneidereitechnik-Seite.

Für das Futter, das die ganze Sache zusammenhält, rechne ca. 50x150 cm Stoff. Dieser sollte leinenbindig und kräftig sein; Leinen wäre ideal.

2-3 Meter Taillen- bzw. Bundband für den Unterrock (z.B. Fischgrätband, leinenbindiges Band, oder Streifen des Kleidstoffs - keine moderne Bundeinlage!), ein bis zwei Meter schmaleres, nichtrutschiges Band, 60-70 cm Plastikfischbein. Einen Belegstoff (ca. 30 x 400 cm), der den Saum und die Unterseite der Schleppe vor Dreck und Abrieb schützt - also etwas billiges, das aber nicht viel schwerer sein sollte als der Kleidstoff. Auch da bietet sich Bomull an. Und natürlich die üblichen Verdächtigen: Nähgarn, Reihgarn, Nadeln etc. pp.

Ich fange hier mit einem einfachen Schnitt aus der Zeit um 1750 an, der nicht unbedingt Garnitur braucht: Vor 1750 waren Garnituren nicht üblich. Für spätere Dekaden brauchst Du zur Garnitur nur etwas mehr vom Kleidstoff für Volants, aber wenn Du es wild treiben willst: Je nach Geschmack feine Klöppelspitze, Metallspitze, Satinband, Filamentseide, Chenille, Gimpborte, Federn, künstliche Blumen und zur Herstellung von Volants evtl. eine Zickzackschere und/oder ein Zäckeisen. Übrigens: Entgegen verbreiteter Klischees waren Stickereien, Pailletten und Borten auf Roben nicht üblich. Wenn Stickerei, dann nur flächig über den ganzen Stoff. Wer will sich das schon antun?

Nähmaschine: Wenn Du authentisch arbeiten willst, mußt Du sie sowieso weglassen. Auch sonst kannst Du fast darauf verzichten. Mit der Maschine kannst Du nur die hintere Mitte, die seitliche Naht von Rock und Oberteil und die Ärmelnaht machen. Die restlichen Nähte sind nicht nur der Authentik wegen, sondern schon aus rein technischen Gründen für die Maschine ungeeignet.

Vorbereitungen

Die wichtigste Vorbereitung ist die, daß Du Dir darüber klarwirst, welcher Zeit Dein Kleid zugehörig sein soll. "18. Jahrhundert" reicht nicht, dafür hat sich die Mode zwischen 1710 und 1770 zu stark gewandelt. Vor 1710 und nach 1770 wäre eine Contouche nicht geeignet. Wenn es Dir nicht so wichtig ist, dann folge einfach dieser Anleitung, um eine Robe von ca. 1750 zu machen. Aber vielleicht hast Du, wie so viele, eine Präferenz für ein bestimmtes Merkmal: Möchtest Du es lieber tailliert oder lose, Volants oder ganz schlicht ohne Garnitur, breites oder kleines Panier? Dann paß auf, daß diese Merkmale auch historisch gleichzeitig auftraten: Manche Features passen einfach nicht zusammen. Es wäre doch Schmarrn, sich so viel Arbeit zu machen, und am Ende kommt irgendein Wolpertinger raus mit Taillennaht von 1765, Ärmeln von 1730 und Panier von 1740. Diese Anleitung, besonders die Seite über Schnittvariationen ganz am Ende, enthält viele Hinweise, was die Wandlungen der Contouche zwischen ca. 1720 und 1770 betrifft. Lies sie also genau, schau Dir noch ein paar Bilder an (am besten via Bilderdatenbank) und triff dann Deine Entscheidung. Vergiß nicht, daß Du das Panier dann auch in der entsprechenden Form/Größe machen mußt - bevor Du mit dem Kleid anfängst.

Es ist immer empfehlenswert, den Stoff vor dem Zuschneiden zu waschen, falls er einläuft. Bei Seiden ist das relativ unwahrscheinlich und zudem ein bißchen riskant, weil sie gern ihre Steifheit und einen Teil des Glanzes verlieren. Andererseits wird das Kleid bei aller Vorsicht wohl doch irgendwann zum Waschen fällig sein, und da muß gerade Seide ganz eingetunkt werden, weil sie sonst gern Wasserflecken und -ränder bekommt. Achte bei Maschinenwäsche (des Stoffes! Das fertige Kleid sollte eine Waschmaschine nie von innen sehen.) auf einen sanften Schleudergang, bei Handwäsche wickle die Seide zum auswringen in ein großes Badetuch, und bügle sie im feuchten Zustand. Das alles, um Knickfalten zu vermeiden, für die besonders Taft sehr anfällig ist.

Nächster Schritt: Der Schnitt

Thursday, 17-Nov-2005 23:06:51 MET