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Die Herstellung eines Rokoko-Korsetts
auch als Leibstück oder Schnürbrust bekannt

 

Falls Du nach einer Bezugsquelle für ein modernes Korsett gesucht hattest: Neumodische Korsetts findest Du hier!

Im 18. Jahrhundert sprach man eigentlich noch gar nicht von Korsetts, sondern von Leibstücken (Liselotte von der Pfalz, um 1715), Schnürleibern oder Schnürbrüsten (Journal des Luxus und der Moden, 1780er). Das habe ich schon auf zwei Seiten des Glossars dargelegt, nämlich hier und hier. Zwar werden alle Schnürbrüste vom Prinzip her immer gleich gemacht, aber sie unterscheiden sich doch in einigen Details, die gemeinerweise auch noch in verschiedenen Kombinationen auftreten können. Bevor Du anfängst, solltest Du Dir also darüber klarwerden, wie das Ergebnis aussehen soll. Danach richtet sich, wieviel und welchen Stoff Du brauchst und wieviel Fischbein.

Lies bitte die ganze Anleitung, bevor du zu schneiden anfängst. Besser noch, vor dem Stoffeinkauf. Und, ganz wichtig: Wenn Du über etwas stolperst, das unverständlich ist, dann sag mir bescheid. Ich habe mir zwar alle Mühe gegeben, aber ich kann nicht einmal erahnen, wie brauchbar meine Beschreibungen sind, wenn mir niemand Feedback gibt.

  1. Soll es vollsteif (baleiné) oder halbsteif (demi-baleiné) sein? Beides ist historisch korrekt.
    1. Vollsteif heißt, daß praktisch die ganze Fläche mit Stäben ausgefüllt ist. Es ist also stärker und damit besonders für "volle" Figuren geeignet... Nun ja, da die Stäbe hierfür schmaler sein müssen und folglich nicht so stark sind wie breitere Stäbe, relativiert sich das etwas. Nachteil: Der moderne Fischbeinersatz aus Plastik oder Stahl ist nicht so schmal wie das, was man damals hatte, läßt sich also nicht so gut ineinanderschachteln. Vor allem aber ist es sehr, sehr arbeitsintensiv. Je nähe man dem Original kommen will, desto schmaler müssen die Stäbe sein (3-5 mm), und desto mehr Arbeit ist es.
    2. Halbsteif heißt, daß zwischen den Stäben 0,5 bis 2 cm Platz ist. Das ist natürlich insgesamt weniger steif, es sei denn, man nimmt breitere oder stärkere Stäbe, was leicht möglich ist, da man nicht so eng schachteln muß. Es reicht mit Plastikstäben jedenfalls für die normale Figur (also etwa bis Konfektionsgröße 42 und Körbchengröße B) aus. Indem es etwas weniger steif ist, ist es für jene, die an Korsetts nicht gewöhnt sind, vielleicht etwas geeigneter. Es braucht auch weniger Stäbe und Arbeit.
  2. Wie soll die Optik sein?
    1. Die Tunnel, in denen die Stäbe wohnen, sind nicht von außen sichtbar. Das empfiehlt sich aus ästhetischen Gründen besonders bei der halbsteifen Variante: Sichtbare Tunnel sehen nur bei baleiné richtig gut aus. In diesem Fall kann man die Tunnel mit der Maschine nähen, denn es ist egal, wie sie aussehen.
    2. Die Tunnel sollen von außen sichtbar sein. Das sieht man bei erhaltenen vollsteifen Schnürbrüsten sehr häufig, weil es ungemein dekorativ ist. Es ist aber auch sehr viel Arbeit, denn man muß von Hand und möglichst gleichmäßig nähen. Obendrein sollte man schmales Fischbein wählen, um der Optik der Originale nahezukommen, muß also mehr Tunnel nähen als bei breiten Stäben.
  3. Rückenschnürung oder Vorder- und Rückenschnürung? Für reine Vorderschnürung kenne bisher nur zwei Nachweise aus zweiter Hand, gegenüber Legionen von Nachweisen reiner Rückenschnürung und einigen Doppelschnürungen aus erster Hand, d.h. es dürften Ausnahmen gewesen sein. Reine Rückenschnürung, wie sie im 18. Jh. am häufigsten war, ist natürlich etwas unbequem, weil man immer einen Helfer braucht, der einen einschnürt. Dafür kann man ein Blankscheit (s.u. unter "Material") verwenden. Vorder- und Rückenschnürung ist arbeitsintensiver, weil man mehr Ösen machen muß, aber dafür kann man sich jederzeit selber an- und ausziehen. Ein nicht zu verachtender Vorteil!

Mittlerweile habe ich mir eine Variante ausgedacht, die etwas steifer als halbsteif ist, aber nicht mehr Stäbe braucht: Bayrische Trachtenmieder haben oft eine Einlage aus geleimtem Rupfen. Anleitungen erwähnen Mehlpappe, also auf (Stärke-) Mehl basierenden Leim. Ich teste das momentan mit einer Zwischenlage, die ich mit Ponal eingestrichen habe. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend, aber der Test im Wahren Leben™ steht noch aus.

Eine der Hauptschwierigkeiten bei der Herstellung einer Schnürbrust ist der richtige Sitz: Je mehr Teile der Schnitt hat, desto schwieriger ist es, ihn anzupassen. Ob die Anpassungen korrekt waren, kann man erst beurteilen, wenn man alle Stäbe eingeschoben und Schnürösen gemacht hat, denn nur dann liefert eine Anprobe das richtige Ergebnis - aber dann ist die Schnürbrust eigentlich schon fast fertig. Anders als bei einer Robe à la Française kann sich die Anschaffung eines vernünftigen (!) Fertigschnitts also durchaus lohnen - aber verlassen darf man sich darauf nicht.

Deshalb ist es sinnvoll, zunächst mit möglichst wenig Aufwand ein Probestück nach Methode 2.1 zu machen: Maschinengenäht, ohne Oberstoff und Futter und ohne Randversäuberung. Das probiert man dann an, ändert es, und trägt es eine Weile Probe. Ob genug Fischbein drin ist, zeigt sich meist erst nach ein paar Stunden. Wenn alles paßt, kann man noch Oberstoff und Futter auflegen, die Ränder versäubern, fertig. Mit dem Korsettschneidern ist es wie mit dem Häuslebauen: Man muß es mindestens zweimal machen, damit man die Fehler des ersten Versuchs beim zweiten Mal vermeiden kann. Ich glaube, es ist noch niemand ohne mindestens einen Prototyp ausgekommen.

Die folgende Anleitung geht von einem Schnitt aus, der sich besonders gut für Anfänger eignet, d.h. er ist einfach zu schneiden, relativ leicht in der Größe anzupassen, kann recht schnell mit der Maschine zusammengeschustert werden und braucht relativ wenig Material, vor allem in bezug auf die teuerste bzw. am schwersten zu beschaffende Komponente, das Fischbein. Das heißt aber nicht, daß der Schnitt nicht authentisch wäre: Man muß nur alles von Hand machen, und voilà. Die Vorlage stammt aus der Zeit um 1770, aber das macht sich nur in der Schnittführung und Lage der Stäbe bemerkbar. Die resultierende Körperform ist von 1670 bis 1790 korrekt.