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Stoffe des 18. Jahrhunderts

 

Siehe zuerst einmal die Seite über historische Stoffe, um zu sehen, was für alle Epochen gilt. Das folgende gilt nur speziell für das 18. Jahrhundert.

Material

Mit Baumwolle muß man vorsichtig sein, da sie als indische (später auch amerikanische) Importware in manchen Ländern verboten war, um die heimische Woll- und Seidenfabrikation zu schützen. Das gilt mit Ausnahme der letzten drei bzw. vier Jahrzehnte definitiv für England, Frankreich und Preußen, evtl. auch für andere Länder. Holland, Hamburg und Augsburg hingegen hatten ab dem späten 17. Jh. eine gutgehende Industrie des Baumwolldrucks: Importierte weiße Baumwolle wurde mit Krapp in Rot- und Violettönen und Schwarz bedruckt und teilweise noch händisch mit anderen Farben bemalt. Stoffe in diesen Farben und Mustern findet man z.T. noch als Quiltstoffe (s.u.). In ganz Süddeutschland und Sachsen scheint es keine Verbote gegeben zu haben. Wo nicht verboten, wurde weiße Baumwolle ähnlich wie Leinen für Wäsche verwendet, bedruckte für Frauenkleidung aller Art. Das Frauenzimmer-Lexicon von 1715, in Leipzig erschienen, zählt Baumwolle recht selbstverständlich unter die Wäschestoffe.

Leinen war in jedem Fall erste Wahl für Weißwäsche wie Chemisen, Hemden, Fichus, Hauben, Schürzen, Taschentücher usw. Manchmal wurden auch gesteppte Obergewänder daraus gemacht (im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg ist so eine Contouche). Für Obergewänder der weniger Wohlhabenden wurde Leinen oder Wolle verwendet, aber wer es sich leisten konnte, bevorzugte Seide. Für wärmende Kleidung, Reitkleider und Justaucorps verwendete auch die Oberschicht Wolle. Reit- bzw. Reisekleider und Justaucorps gabe es auch aus Seidensamt, Männeranzüge aus (Seiden-) Cord.

Die wirklich authentischen Materialien sind also Seide, Wolle, Leinen und z.T. Baumwolle.

Achtung: Dupionseide ist nicht authentisch! Das gilt auch für andere Seidenarten mit deutlichen Verdickungen, z.B. Wildseide. Bourrette bzw. auch "Seidenleinen" eignet sich nur als Leinenimitat, und auch das nur für billiges, grobes Leinen. Die matt-weiche Waschseide und das viel zu flimsige Pongée und Chrêpe de Chine eignen sich überhaupt nicht, Crêpe Satin nur in Maßen (zu fließend), mit festem Futter drunter. Für halbdurchsichtige Fichus, Häubchen und Schürzen können Chiffon und Organza schon mal herhalten, da weder Leinen noch Baumwolle heute so fein zu kriegen sind. Am besten für Kleider sind Taft, Atlas (=Duchesse-Satin), Faille (=Rips), Moiré und Damast, mit einer gewissen Steifigkeit.

Meistens soll man Stoffe vor dem zuschneiden waschen - tu das bei Seide nicht! Seide läuft normalerweise eh soviel wie nicht ein, aber sie büßt die Steifigkeit ein (besonders bei Taft) und wenn die zu stark geschleudert wird, kommen Knickfalten rein, die auch stundenlanges feuchtbügeln nie mehr ganz rauskriegt.

Webarten

Die drei klassischen Webarten - Leinen, Atlas und Köper - waren alle bekannt und in Verwendung, wenn auch nicht in all den erfinderischen Variationen wie heute. Daneben gab es spezielle Verarbeitungen wie Damast (eine Abart der Atlasbindung), Brokat (auch mit Gold- oder Silberfäden), Rips, Samt und Cord. Seide z.B. gab es in den Varianten Taft (leinenbindig), Atlas (heute eher als Duchesse-Satin bekannt), Faille (heute: Rips), Damast, Brokat, Moiré. Moiré entsteht, wenn Taft oder Rips in einer speziellen Art gepreßt werden; es entstehen Glanzstellen, die den Effekt einer Holzmaserung haben. Von Cord habe ich sagen hören, daß er anders war als der heutige, aber ich habe noch keinen historischen Cord gesehen.

Es ist aber nicht jeder leinen-, atlas- oder köperbindige Stoff geeignet. Dünne Anzugwollen z.B. sind mit Vorsicht zu genießen; Gabardine ist gar definitiv ungeeignet, da erst im 19. Jh. erfunden.

Farben

Für Frauen waren die Farben tendenziell eher blaß-pastell als leuchtend, z.B. Elfenbein, Silbergrau, Hellblau, Graublau, Blaßrosa etc. Ich sage bewußt "tendenziell", denn es gab durchaus dunkelblaue, leuchtendblaue, gackerlgelbe oder rote Gewänder, nur eben weniger häufig. In der zweiten Häfte des Jahrhunderts nehmen leuchtende und dunkle Farben zu, ganz besonders im letzten Viertel. Darunter spielen Dottergelb, Rot, mittleres und dunkles Blau, Grün und Braun die wichtigsten Rollen. Auch die waren aber nicht so leuchtend wie die heutigen künstlichen Farben. Schwarz war der Trauer, Witwen und Priestern vorbehalten, scheint aber in Teilen Deutschlands auch für Redoutenkostüme gebräuchlich gewesen zu sein. Was ich definitiv noch nie gesehen habe, sind Orange, die ganze Palette von Pink über Violett bis Dunkellila, Lind- und Frühlingsgrün und Oliv. Das gilt auch für Männer. Männerkleidung gab es in den gleichen Farben, neigte aber ein klein bißchen mehr zu gedeckten Tönen. Für Darstellungen der Mittel- und Unterschicht eignen sich insgesamt gedecktere Farben, da leuchtende und wenig ausbleichende Farbstoffe recht teuer waren. Hier sind Krapprot, Indigoblau, Braun- und Grautöne angebracht. Grün- und Gelbtöne sind mit heimischem Pflanzen recht leicht zu färben, so daß diese auch in Frage kommen. Richtig schwarzes Schwarz gehörte neben Purpur und Scharlachrot zu den teuersten Farben.

Muster

Mit wenigen Ausnahmen (Zitze) waren Muster eingewebt oder aufgemalt, nicht gedruckt. In der Datenbank habe ich ein paar Bilder von Stoffmustern, allerdings nur in schwarzweiß. Geh zur Expertensuche, gib bei "only select images of" als Wert "fabrics, lace" an und als Zeitrahmen 1700-1800.

Wir alle, die wir Kleidung des 18. Jh. nachmachen wollen, neigen anfangs zu floralen Mustern, die uns typisch erscheinen. Mit zunehmender Erfahrung lernen wir, daß es fast unmöglich ist, wirklich geeignete Muster zu finden (die ersten Versuche stellen sich meist als dem 19. Jh. zugehörig heraus), und neigen immer mehr zu gestreiften oder einfarbigen Stoffen.

Es erfordert einiges Studium, um ein Gefühl dafür zu kriegen, welche Muster für welche Zeit geeignet sind, denn die bevorzugten Muster änderten sich alle 10, 20 Jahre deutlich. Zu Anfang des 18. Jh. gab es z.B. Muster, die selbst erfahrene Leute nie dem 18. Jh. zutrauen und eher ins 20. Jh. datieren würden. Andererseits würden weniger erfahrene Leute Muster des mittleren 19. Jh. für geeignet halten. Es ist also sehr leicht, versehentlich ein falsches Muster zu wählen. Ich selber bin mit zunehmender Erfahrung immer vosichtiger geworden.

Besonders schwierig ist es bei gedruckten Mustern. Die ersten 3/4 des Jahrhunderts waren nur Blaudruck und Krappdrucke üblich, die durch einen ganz speziellen Formen- und Farbenkanon charakterisiert werden: Die Muster sind floral, die Farben größtenteils in schwarz, rot und violett gehalten. Diese Drucke waren damals auch bekannt als Zitz oder Chintz. Der heutige Begriff Chintz bezeichnet einen gewachsten und glänzend gewalzten Stoff, aber eigentlich leitet er sich von einem indischen Wort für "bunt" her und bezeichnete im 17./18. Jh. einen nach indischer Methode - eben Krappdruck - bedruckten Stoff. Das französische Wort für solche Stoffe war Indienne. Daneben gab es noch Stoffe aus Indien und China, deren Muster aufgemalt war. Glaubhafte Reproduktionen sind heute kaum noch zu bekommen, und wenn, dann sehr teuer. Drucke für das letze Viertel des Jahrhunderts sind kaum leichter zu beurteilen und zu bekommen.

Das Fazit aus allem oben gesagten ist, daß es für den Anfang besser ist, auf Muster ganz zu verzichten. Wenn Du Dir die Bilder in der Datenbank anschaust, wirst Du feststellen, daß ungemusterte Stoffe nicht etwa seltener waren als gemusterte, sondern eher umgekehrt. Wenn Du unbedingt Muster haben willst, dann schau mal (und zwar richtig intensiv) in die Bücher, die ich hier gelistet habe und auf die Bilder in der Datenbank.